Ambiguität als neue Nachhaltigkeit im Zeitalter von Fundamentalismus und Digitalisierung
Ambiguität als neue Nachhaltigkeit im Zeitalter von Fundamentalismus und Digitalisierung (Fun_loving_Cindy / pixabay.com)

Ambiguität als neue Nachhaltigkeit im Zeitalter von Fundamentalismus und Digitalisierung

Wir merken an vielen Stellen, dass sich unsere Gesellschaft nicht in die für unsere Menschheit optimale Richtung entwickelt. Es gibt viele Dinge, die wir als Missstände anprangern können: Ungleichheit, Effizienzwahn, zügelloser Kapitalismus, anti-demokratische Kräfte, Fundamentalismus.

Gibt es hinter all dem einen größeren Zusammenhang? Etwas, das uns hilft, ein neuer Kompass für individuelle und gesellschaftliche Entwicklungen zu sein? Ambiguität, also Mehrdeutigkeit und Vielfalt, könnte dafür ein neuer, einender Gedanke sein.

Zwang der Messbarkeit

In seinem Buch „Die Vereindeutigung der Welt: Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ führt Islamwissenschaftler Thomas Bauer uns in eine unbekannte Denkwelt ein, über die wir unser Zusammenleben neu definieren können. Mit vielen Beispielen führt er uns vor Augen, wie sehr wir der Obsession erliegen, alles messbar und damit eindeutig zu machen. Nicht nur in Schule und Wirtschaft, sondern auch in den ehemaligen Rückzugsgebieten von Vielfalt wie Kultur, Religion und Philosophie hat in den letzten 200 Jahren eine stetige Zunahme der Intoleranz gegenüber Ambiguität stattgefunden. Bauer zeigt uns anhand unserer Geschichte und an vielen Lebensbeispielen unsere eigene Welt, in der „Vielfalt, Komplexität und Pluralität häufig nicht mehr als Bereicherung empfunden“ wird.

Auch in der Musik und Kunst gilt: „Endlos viel Bedeutung führt zu Bedeutungslosigkeit. Bedeutungslosigkeit ist ebenso wenig vieldeutig wie nur eine einzige Bedeutung. Ambiguität, die bereichert, findet nur zwischen den Polen Eindeutigkeit und unendlich vielen Bedeutungen statt.“

Wir lenken die Welt in die falsche Richtung

Begriffe, die uns bisher positiv erschienen, setzt Bauer dafür in einen neuen Kontext und wackelt damit an unseren Grundfesten: „Authentisch ist der Mensch offensichtlich nur dann, wenn er sein Inneres, seine vermeintlich unverfälschte Natur, ungefiltert nach außen stülpt. Und das bedeutet letztlich: Authentizität ist das Gegenteil von Kultur.“

Und irgendwie wird schnell klar, dass wir mit unserem stetigen Optimieren und Auslagern von menschlichen Denkprozessen an Maschinen die Welt genau in die falsche Richtung vorantreiben – wir machen sie immer vorhersehbarer und eindeutiger. Aber damit legen wir uns selber als Individuum zunehmend fest, schränken uns ein, machen uns denk- und bewegungsunfähig und berauben uns unserer Möglichkeiten.

“Ein Plädoyer für Mehrdeutigkeit und Vielfalt #Ambiguität“

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Bewusster Einsatz von KI

Es ist also ein Warnruf, sich mit dem Thema „Künstliche Intelligenz“ neu auseinander zu setzen: „Jedes Mal, wenn es gilt, sich zu entscheiden, liegt eine Situation der Ambiguität vor, weil man sich entweder so oder so entscheiden kann. Jede Entscheidung ist deshalb auch ein Prozess der Entambiguisierung. Zumindest diesen Prozess könnten uns schon bald Maschinen abnehmen.“

Dabei haben wir mit dem europäischen Humanismus Bauers Meinung nach ein gesellschaftliches Konzept der autonomen Erkenntnis und der freien Entscheidung: „Das Prinzip der Verantwortung und das Recht der Gesellschaften, gemeinsam über ihr Geschick zu bestimmen.“

Bauers Vorstellung eines von Technologie gesteuerten Menschen dagegen ist griffig und verstörend: „Ideal ist der schwitzende, authentische, ambiguitätsfreie Maschinenmensch, der selbstoptimiert im kapitalistischen Verwertungsprozess völlig effektiv funktioniert. […] Wem dies keine attraktive Zukunftsperspektive ist, muss nach einem Gegengift suchen, das Ambiguitätslust steigert.“

Das können wir aber nur als Individuum, dem „Ernsthaftigkeit und Respekt zuteil wird: Respekt vor der Natur, vor Mitmenschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, Neigung und Fähigkeit, vor künstlerischer Kreativität, wissenschaftlichem Erkenntnisstreben und politischem und gesellschaftlichem Engagement.“

Leseempfehlung für alle

Ein tolles Werk über (reduzierte) Ambiguität und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für uns und unser Leben. Ich bin begeistert, welche Komplexität und welchen Einfluss der Ambiguitäts-Gedanke auf uns nehmen kann. Große Empfehlung!

Weitere Lese-Empfehlungen zu den Themenbereichen Digitale Transformation und Entrepreneurship gibt es hier auf meinem Blog oder direkt bei Amazon.

 

Thomas Bauer
Die Vereindeutigung der Welt: Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. [Was bedeutet das alles?] (Reclams Universal-Bibliothek)
Reclam Verlag, 104 Seiten, 6,00 Euro
Kindle Ausgabe 5,49 Euro

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