Blockchain – Anwendungsszenarien jenseits des Hypes
Blockchain – Anwendungsszenarien jenseits des Hypes (geralt / pixabay.com)

Blockchain – Anwendungsszenarien jenseits des Hypes

Bitcoin als die bekannteste Form von Blockchain, quasi der Prototyp, ist mit zwei wesentlichen Merkmalen ausgestattet, über die es sich in Bezug auf zukünftige wirtschaftliche Anwendungen und digitale Plattformen nachzudenken lohnt: 

  1. Public Ledger:Public Ledger ist sozusagen das zentrale Kassenbuch, das von vielen Teilnehmern geführt wird. Das Konzept ist offen für jeden, der mitmachen möchte.  
  2. Proof of Work (PoW): Mit der Offenheit bedarf es einer Incentivierung der Ledger, um am Prozess teilzuhaben. Dies wird bei Bitcoin über den PoW realisiert. 

Der Traum vom freien Internet 

Die verklärte Ideologie für Bitcoin liest sich wie die Anfänge des Internets und lässt sich geschichtlich auf die Hippie-Kultur der 70er Jahre zurückführen. Das Internet ist frei und ermöglicht es jedem auf diesem Planeten Informationen in freier Form auszutauschen und an Bildung zu partizipieren. 

Der Reiz bei Bitcoin liegt für viele darin, dass ab sofort keine Zentralbanken mehr benötigt werden und endlich „freies“ Geld zur Verfügung steht, das nicht an politische und staatliche Systeme gekoppelt ist. Frei von staatlicher Manipulation sozusagen. 

Und heute? 

Vom freien Internet der 1980er und 1990er Jahre ist heute nicht mehr viel übrig. Über unsere Carrier und Provider zahlen wir Geld, um Internet konsumieren zu können. Der freie Datenaustausch findet über Facebook, Whatsapp, Google Mail oder eBay statt. Konzerne haben es also irgendwie geschafft, die Idee des freien Internets zu kapern. 

Man kann sich also durchaus die Frage stellen, ob wir den Aufstieg dieser Unternehmen hätten verhindern können, wenn wir diesen verklärten Slogan „das Internet ist frei“ nicht ins Hirn geblasen bekommen und wir uns allen von vorne herein klar gemacht hätten, dass nichts im Leben wirklich frei sein kann. 

Jetzt kommen die Bitcoin- und Blockchain-Jünger daher und versprechen uns schon wieder Freiheit vor zentralen Strukturen und staatlichen Einflüssen. Und dann gibt es da noch die Propheten, die meinen, dass Blockchain das Ende der Plattform-Ökonomie einleiten könnte. 

Blocktaxi – Gedankenspiel über eine offene Plattform als freie Alternative zu Uber  

In der Theorie lautet die aktive Antwort auf die Frage nach einer wirklich freien offenen Plattform – etwa als faire Plattform-Alternative zu Uber – so: Nutzen-Anbieter (z.B. Taxifahrer) und Nutzer (z.B. Taxinutzer) einigen sich auf „Blocktaxi“ als Austauschformat in Form einer schicken Blockchain-Applikation. Die Open Source Community schreibt alle notwendigen Apps und Infrastruktur-Anwendungen und fertig ist die Abwicklung über Blocktaxi als offene Plattform. Anbieter und/oder Nutzer bestätigen jede Transaktion als Public Ledger und mit ihrem Proof of Work. So weit, so nett. 

Blockchain vs. Individualität 

Die große Illusion dahinter ist, dass sich alle Beteiligten weltweit auf dieselben Prozesse einigen müssen, um Uber vom Sockel zu stürzen. Doch selbst wenn eine solche Übereinkunft in einer idealen Welt gelingen sollte, wird spätestens nach einem Monat irgendeine Taxi Community etwas an den Prozessen ändern und damit das System forken. Eine solche Änderung ist interessanterweise bei allen Systemen außer Geld (Bitcoin) auch überhaupt kein Problem. Aber wer bei Bitcoin forkt, verzichtet auf seine Bitcoins. Das ist schlecht für das Individuum und passiert daher (relativ) selten.  

“Wie lassen sich faire digitale Plattformen mit neuen Blockchain-Ansätzen umsetzen?“

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In der realen Welt mit Wirtschaftsprozessen wird es keinen ausreichenden Anreiz geben, dass sich alle an dieselben Regeln halten– viele werden eigene Prozesse aufsetzen. Und damit wird eine Public Blockchain à la Bitcoin – zumindest für Taxi-Plattformen – nicht realisierbar. 

Blockchain-Konzepte mit Zugangsbeschränkung 

Daher gibt es neben den Public Blockchains schon längst weitere Ideen:  

  • Federated Blockchain (oder Consortium Blockchains): Hier einigt sich eine Gruppe von Ledgern auf ein Blockchain-Protokoll. Der Zugang ist eingeschränkt, es kann nicht jeder Ledger werden, denn für eine Teilnahme müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein. 
  • Private Blockchain: Ein von vornherein privater Teilnehmerkreis einigt sich in abgeschotteter Form auf ein Blockchain-Protokoll. 

In beiden Fällen ist der Zugang beschränkt. Man kann hier auf aufwändige Proof of Work-Konzepte verzichten, die jede Blockchain-Transaktion letztlich teuer machen. Mit dem Konzept der Federated Blockchain können Gruppen Regeln vereinbaren und diese gegenseitig bestätigen. Man vertraut in diesem Konstrukt nicht mehr einer Partei, die Buch führt, sondern einer Gruppe, die die Regeln für ihr Handeln als vertrauensbildende Maßnahme offenlegt. 

Das ist auf der einen Seite Blockchain-Technologie, auf der anderen Seite kann man den Einwand bringen, dass ein solches Verfahren auch anders etabliert werden kann. Wer diesem Konsortium misstraut und außerdem an das freie Internet oder das böse Spiel der Mächte glaubt, wird von der Idee nicht begeistert sein. 

Vorteil: Einbettung eines Infrastruktur-Prozesses 

Dennoch ist dies die aktuell wahrscheinlichste Form, wie Blockchain-Technologie in Zukunft für digitale Plattformen eingesetzt wird. Durch die Einschränkung auf Permissioned Ledger, also Ledger mit Erlaubnis, kann wegen des geringeren Aufwandes des Proof of Work die Transaktionsfrequenz zusätzlich massiv gesteigert werden. Diese beträgt bei Bitcoin aktuell sieben Transaktionen pro Sekunde. Doch das reicht schon für eine weltweit einheitliche Taxi-Blockchain bei weitem nicht aus. 

Der Vorteil des Einsatzes von Blockchain als Abwicklungstechnologie für viele Anwendungsfälle ist, dass diese bei der Organisation von Geschäftstransaktionen sozusagen einen Infrastruktur-Prozess der gemeinsamen Abstimmung in die Geschäftsmodelle mit einbringt.

Bei einer Plattform fragt heute niemand, wie genau die Prozesse im Hintergrund ablaufen und ob alle Partner gleich behandelt werden. Wer als weltweiter Blocktaxi-Anbieter mit einer fairen Plattform die Welt erobern möchte und auf den Distributed Ledger Ansatz setzt, wird sich wie selbstverständlich der Frage stellen müssen, ob die Teilnehmer im Netzwerk gleichberechtigt sind, oder ob es irgendwelche Konstrukte zur Bevorzugung oder Benachteiligung gibt. Zudem ist es auch in der Federated Blockchain machbar, dass Kontrollgruppen zwar kein Schreib-, aber ein Lese-Zugriff gewährt und so quasi eine Überprüfung der Blockchain durch eine andere Community oder sogar Public ermöglicht wird. 

Realistisch statt verträumt  

Nach dem heutigen Hype werden sich also sicherlich sinnvolle Anwendungsfälle für digitale Plattformen jenseits der freien Public Blockchain-Konzepte à la Bitcoin ergeben. Und wir sollten versuchen, aus der Sehnsucht nach dem freien Internet etwas zu lernen und die nächste Stufe von Abwicklungs-Infrastruktur für verteilte Transaktionen von vornherein realistischer träumen, als der freie Bitcoin Hype uns vorgaukelt. 

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