Die Auswirkungen der Informationstechnologie auf den Kapitalismus
Die Auswirkungen der Informationstechnologie auf den Kapitalismus (Bild: geralt/JCamargo - pixabay.com)

Die Auswirkungen der Informationstechnologie auf den Kapitalismus

Paul Mason ist Wirtschaftsjournalist und hat feste Wurzeln im englischen Arbeitermilieu. Mit seinem Buch „Postkapitalismus: Grundrisse einer kommenden Ökonomie“ hat er sich auf die Suche gemacht, wie die Informationstechnologie unsere Marktwirtschaft und das kapitalistische System verändert. Befinden wir uns in einer der üblichen Krisen des Kapitalismus oder sehen wir einer postkapitalistischen Ordnung entgegen?

Der Kapitalismus im Laufe der Zeit

Die Analysen sind sehr umfangreich und geben einem einen tieferen geschichtlichen Einblick in die Entstehung des Kommunismus und Marxismus Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Bei diesen Analysen des kapitalistischen Systems stört es auch nicht, dass man den Eindruck hat, dass Mason in gewisser Weise auf einem Rechtfertigungstrip ist und Fehler in den Ansichten von Marx und Lenin erklärt. Auch wenn er sich im zweiten Teil seiner Ausführungen in den Utopien seiner Herkunft verstrickt, kann man als Leser unterm Strich eine Menge über den Kapitalismus und seine Veränderungen im Laufe des 20. Jahrhunderts lernen.

Informationsverarbeitung als Störfaktor für den Kapitalismus

Richtig spannend wird es bei den Thesen zu den Auswirkungen der Informationsverarbeitung auf den Kapitalismus, denn diese sind nach Masons Überzeugung nicht mehr durch zyklische Anpassungen heilbar, sondern stellen den Kapitalismus vor existenzielle Probleme.

Seine Ansicht lässt sich anhand folgender Aussagen, die schon eine Menge Stoff zum Nachdenken bieten, skizzieren:

  • Märkte basieren auf Knappheit. Geschäftsmodelle in der digitalen Welt basieren auf der Organisation des Überflusses. Damit wird es in Zukunft immer schwieriger, Preise fair und gerecht festzulegen und Werte zu ermitteln.
  • Die Unantastbarkeit von Privateigentum ist in der Informationsgesellschaft in Bezug auf persönliche Daten nicht mehr sichergestellt.
  • Die Mechanismen zum Schutz von institutionellem geistigen Eigentum durch Patente und Gesetze werden aktiv von Informationssystemen untergraben. Informationen sind im klassischen Kapitalismus ein knappes und geschütztes Gut. Das führt dazu, dass die geschützten Informationen ungenügend genutzt werden können. In der Internetgesellschaft ist das Teilen von Informationen jedoch oberstes Prinzip.
  • Im Informationskapitalismus ist das Monopol die einzige Überlebenschance für ein Informationsunternehmen.
  • Die Beherrschung von positiven Externalitäten ist die wichtigste Aufgabe für Unternehmen in der heutigen Welt, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Externalitäten sind in der digitalen Welt alle Daten, die von den Usern zum Nutzen des Produktes oder des Services gesammelt werden.
  • Die Arbeitswert-Theorie zeigt, dass Arbeit nicht der Maßstab, sondern die Quelle des Wertes ist, aus dem sich Profit abschöpfen lässt.
  • Produkte, bei denen der menschliche Arbeitseinsatz durch Maschinen gegen Null gefahren werden kann, werden gratis angeboten werden können. Wir induzieren also mit der Automatisierung und Digitalisierung eine Preisspirale gegen einen Preis Null. Dadurch zwingen wir quasi jeder zukünftigen Innovation eine Null-Preis-Dynamik auf.
  • Die größte Gefahr der Automatisierung ist nicht die Massenarbeitslosigkeit, sondern die Erschöpfung der Fähigkeit des Kapitalismus neue Märkte zu schaffen.
  • Es sei denn, wir geben die Eigentumsansprüche an unseren ganz persönlichen Daten (Selfies, Playlists usw.) ab.
  • Die Informationstechnologie ermöglicht und erleichtert wirtschaftlichen Austausch abseits des Marktes.

Masons weitere Ausführungen zu diesen Aussagen sind in jedem Fall lesenswert und lohnen eine ausführliche gedankliche Auseinandersetzung.

“Positive Externalitäten beherrschen: wichtigster Task für Unternehmen für erfolgreiche #Digitalisierung“

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Klare Leseempfehlung trotz wirrer Zukunftsvisionen im zweiten Teil

Eine Anmerkung aus dem Vorwort ist dann schon fast eine Entschuldigung für den zweiten Teil des Buches: Mason stellt fest, dass das gesamte Gedankengebäude der Marktwirtschaft so fest mit unserer Gesellschaft, unserer Wissenschaft und unseren Institutionen verbunden ist, dass jeder, der sich daran macht, dieses Gebäude nicht nur zu kritisieren, sondern es vielleicht mit eigenen Gedanken umzubauen versucht, sich sehr schnell in Unzulänglichkeiten verstrickt.

Genau das ist Mason in den letzten Kapiteln passiert. Hier bringt er noch die Aspekte Klimaerwärmung und Überbevölkerung ins Spiel. Und dann macht er sich daran, auf Basis von Almende-Konzepten, Enteignung und Sharing Economy eine ziemlich wirre Zukunft zu skizzieren.

Empfehlen kann ich das Buch dennoch – wegen des ersten Teils: Die Analyse zur Wechselwirkung zwischen Kapitalismus und Informationstechnologie hat mir eine Menge Input zum Nachdenken gebracht. Den zweiten Teil sollte man meines Erachtens eher ignorieren.

Weitere Lese-Empfehlungen zu den Themenbereichen Digitale Transformation und Entrepreneurship gibt es hier auf meinem Blog oder direkt bei Amazon.

 

Paul Mason
Postkapitalismus: Grundrisse einer kommenden Ökonomie
Suhrkamp Verlag, 430 Seiten, 26,95 Euro
Kindle Ausgabe 22,99 Euro

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