Die BMW Datenpanne und das große Big Data Missverständnis der deutschen Industrie
Die BMW Datenpanne und das große Big Data Missverständnis der deutschen Industrie - Foto: pixabay.com/Pexels

Die BMW Datenpanne und das große Big Data Missverständnis der deutschen Industrie

Eigentlich ja eine gute Sache: Das Kölner Landgericht kann einem Fahrer anhand von Bewegungsprofi- Daten im Auto nachweisen, dass er einen Radfahrer überfahren hat. Also ein durchaus sinnvoller Einsatz von Technologie im Sinne der Gerechtigkeit, oder?

DriveNows Datenschutzkonzept

Der positive Aspekt zuerst: Es handelt sich um eine Fahrt mit einem BMW über DriveNow, dem Dienst für individuelle Stadtmobilität. Die Datenschutzkonzepte im DriveNow as a Service Geschäftsmodell haben auch vor Gericht gehalten: denn DriveNow speichert zwar die Handynummer des Fahrers sowie den Start und Endpunkt der Fahrt, aber nicht die Wegstrecke. DriveNow konnte dem Gericht nach dem Bericht des Manager Magazins keine Angaben zum Bewegungsprofil machen. Das ist aus Datenschutzsicht schon mal eine gute Nachricht. Denn as a Service und Plattformmodelle als Geschäftsmodelle der Zukunft sind auf das Vertrauen der Konsumenten angewiesen.

BMW und die Bewegungsdaten

Jetzt kommt BMW als Autohersteller ins Spiel: Obwohl keinerlei Geschäftsbeziehung zwischen dem Nutzer und Autohersteller besteht, konnte BMW sehr wohl Angaben zum Fahrtverlauf machen. Nach den Angaben gegenüber Netzpolitik.org zeichnet BMW die Daten auf, jedoch ohne Personenbezug. Und erst durch die Identifikation des Fahrers über den DriveNow Dienst konnte dadurch ein persönliches Profil entstehen.

Eine absolut realitätsferne Argumentation: Denn dieser Bezug kann immer hergestellt werden. Wenn ich einen Wagen kaufe, kennt BMW meinen Namen. Und selbst wenn ich mir den Wagen bei einem Freund leihe, können die Daten ja genau eine nicht bekannte Person identifizieren.

“Heimlich Daten sammeln und später schauen, wie man sie monetarisiert, führt zu Investitionsruinen #BigData “

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Service oder Produkt – auch in puncto Daten ein Unterschied

Tatsache ist damit, dass ich bei BMW ein Produkt kaufe (es besteht kein Service Vertrag) und BMW hinter meinem Rücken und ohne mein Wissen Daten sammelt. Das ist damit schlimmer als bei Google oder Facebook. Denn bei Anbietern wie Facebook oder Google entsteht zum einen durch die Dienstnutzung ein Vertragsverhältnis und zum anderen bezahle ich mit meinen Daten für einen Nutzen, denn ich in Anspruch nehme.

Bei BMW kaufe ich ein Produkt, der Hersteller wälzt alle Risiken zur Instandhaltung, Nutzung, Auslastung und Wartung auf mich als Käufer ab. Und in einseitiger asymmetrischer Form späht mich diese Maschine aus – ohne dass ich in irgendeiner Form an dem Nutzen als Käufer partizipieren kann.

In der richtigen digitalen Welt funktioniert das Nutzenprinzip eigentlich anders:

  1. Apple verkauft uns teure Smartphones und Tablets. In dem hohen Kaufpreis ist die Nutzung einiger Services wie Mail, Fotosync oder der Dienst zur Synchronisation von Bookmarks über mehrere Apple Geräte hinweg für mich als Konsument eingerechnet. Es entsteht ein separates Vertragsverhältnis durch die Nutzung der Dienste.
  2. Car2go oder DriveNow schließen mit mir als Verbraucher einen Nutzungsvertrag, und ich muss das Produkt (Auto) gar nicht mehr kaufen, sondern bezahle lediglich bei Nutzung. Hier muss ich dem as a Service Anbieter ja zugestehen, dass er einige Daten über mich speichert. Schließlich trägt er das Auslastungsrisiko und hat somit ein Interesse, aus den Nutzerdaten Vorhersagen treffen zu können. Hierfür gibt es klare Regeln und Grenzen durch das Datenschutzgesetz.

Big Data falsch verstanden

Ich bin davon überzeugt, dass der Hype um Big Data gepaart mit digitaler Unsicherheit genau zu der Situation führt, in die sich BMW jetzt gebracht hat: Erstmal still und heimlich alles an Daten sammeln, was man in die Finger bekommen kann. Und dann später schauen, was man irgendwann mal daraus machen kann.

Es ist die Illusion, die uns die Big Data Anbieter verkauft haben: in Daten liegt Gold, welches nur mit Hilfe von Big Data zum Vorschein gebracht werden kann und muss. Doch die Zeit, in der man Verbrauchern oder Nutzern ohne deren Wissen Daten vorenthält oder selber monetarisiert, ist vorbei.

Dieses Prinzip der Datensammlung verfolgt aber nicht nur BMW, sondern auch weite Teile der deutschen Industrie im Maschinen- und Anlagenbau. Für ein digitales Geschäftsmodell muss der Betreiber des Dienstes vorher wissen, welche Daten er für die Bereitstellung eines Dienstes benötigt und vor allem, wie man den entstehenden Nutzen monetarisieren oder zumindest bewerten kann.

Entgegen aller anderslautenden Behauptungen kostet auch die Datenspeicherung heute noch Geld. Daten ohne jegliche Idee der Verwertung mit hoher Auflösung einfach mal zu speichern, führt in der Regel zu Investitions-Ruinen und nicht zu erfolgreichen neuen digitalen Geschäftsmodellen.

“Datenschutzverletzung bei BMW deckt das völlig falsche Verständnis von Big Data in der deutschen Industrie auf.“

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Grundsätze digitaler Geschäftsmodelle

  • Daten als Produktanbieter ohne ein digitales as a Service oder Plattform-Modell zu sammeln, wird in der Regel nicht ohne Probleme funktionieren und ist meist auch datenschutzrechtlich bedenklich.
  • Aus den Daten muss ein Mehrnutzen für den Verbraucher UND den Dienstanbieter gewonnen werden.
  • Aus diesem Mehrnutzen sollte ein digitales as a Service oder Plattform Modell entwickelt werden.

Aus diesen Grundsätzen wird noch etwas anderes klar: Ein Auto oder eine Maschine als Produkt zu verkaufen und die Risiken zur Nutzung oder Auslastung auf den Käufer abzuwälzen, ist nicht mehr zeitgemäß. Der Mehrwert für Nutzen-Anbieter und Konsumenten (Dienste-Nutzern) aus den Daten ist die Basis für die Transformation zu digitalen as a Service und Plattform- Geschäftsmodellen

Die Umsetzung dieser Einsicht ist neben der Weiterentwicklung der Elektromobilität die große Aufgabe, der sich die deutsche Automobilindustrie stellen muss.

Vielleicht schafft die deutsche Automobilindustrie die Transformation zu digitalen as a Service Modellen und den notwendigen Umstieg zur Elektromobilität ja in einem Riesen-Schritt?!

 

 

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