Die ideale digitale Gesellschaft – so könnte sie aussehen

20. Juni 2018

Es ist eine wahre Freude, „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ von Richard David Precht zu lesen. Mit seinen Beispielen aus unserer Welt und in sprachlicher Vielfalt zaubert er einem in regelmäßigen Abständen ein Lächeln auf die Lippen. Der Tenor: erzählend, Zusammenhänge herstellend und mahnend.
Trotz aller Gefahren, die Precht in unserer Welt sieht, zieht er schlussendlich ein optimistisches Fazit, das uns alle ermuntern soll: Nur wer mit Optimismus in die Zukunft schaut, probiert Dinge aus und ist bereit Dinge zu verändern; wohingegen die Einstellung der Pessimisten, das Anpacken von Dingen lohne sich sowieso nicht, für eine positive Zukunft eben nicht ausreicht.

Zutaten: Vielfalt & Tiefgang

Kritiker meinen, das Buch hätte zu wenig Tiefgang. Aber wie soll man seine integrative Vorstellung von den vielen zusammenhängenden Aspekten der Digitalisierung denn sonst angehen und ein neues Bild für die Zukunft aufbauen? Mit lange abgeschlossenen Studien und wissenschaftlichen Quellen lässt sich eher keine aktuelle und gemeinsame Vorstellung von unserer Zukunft entwickeln.
Die Bereiche, die Precht zu einem neuen Ganzen zusammenzufügen versucht, sind vielfältig:

  • Politik: Unsere aktuelle Politik ist zu sehr mit kurzfristigen Handlungen beschäftigt, als dass sie es schafft, eine langfristige Vision zur Lösung der klar absehbaren und sehr grundsätzlichen Verteilungsprobleme zu schaffen.
  • Kapitalismus: Der Kapitalismus ist der Motor für Wachstum, der in der digitalen Welt in der bisherigen Form nicht mehr funktionieren wird. Nach dem Industriekapitalismus vor 200 Jahren hat er heute mit dem Silicon Valley Style ein neues Gesicht, das die Individualität in den Mittelpunkt stellt, aber die Menschen gleichzeitig zu Datenobjekten macht.
  • Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE): Precht setzt sich stark für das BGE ein und verbindet die Ideen sowohl mit unseren aktuellen Chancen als auch mit den Problemen, die es zu lösen gilt.
  • Freie Lohnarbeit: Das gesamte Konzept unserer Gesellschaft – Arbeit für Geld als sinnhaft anzustreben – muss nach Precht auf den Prüfstein gestellt werden. Wir brauchen ein neues Leitbild, das uns als Gesellschaft trägt.
  • Effizienz: Der Effizienzwahn infiziert immer mehr Bereiche, die er nicht bestimmen sollte, wie z.B. Bildung, Medizin oder Altenpflege. Wir müssen für die Zukunft sinnvolle Regeln aufstellen, innerhalb derer die Digitalisierung und die damit erwartete Effizienzsteigerung weiter fortschreiten können und dürfen.
  • Bildung: Unser Bildungssystem darf sich nicht länger selbst dem Effizienzwahn unterordnen und die gleichen Regeln anwenden, sondern muss den Menschen einen Weg zu Selbstbestimmung und Zufriedenheit in einer von Robotern geprägten digitalen Welt zeigen.
  • Humanismus: Autonomie ist das, was wir uns als Menschen erhalten müssen, damit wir als Individuum und Gesellschaft eine Perspektive in der digitalen Welt haben. Dazu müssen wir entscheiden, wo wir die Möglichkeiten im Bereich digitale Technologie beschränken und regeln wollen.

Die digitale Gesellschaft von morgen

Aus einer Dystopie in Form eines fiktiven Ausflugs in die zukünftige digitale Welt baut Precht eine Sammlung von Themen auf, über die wir als Menschen diskutieren sollten, um eine neue positive Zukunft mit digitaler Technologie zu schaffen. So entsteht zwar noch keine klare und ausgereifte Vision unserer digitalen Gesellschaft von morgen, dennoch erschafft Precht ein Bild von Handlungsfeldern, um die wir uns hier und jetzt kümmern sollten, damit wir ein menschliches Morgen in einer digitalen Welt ermöglichen können.

Es ist ein erster Entwurf für eine neue, zweite „digitale Aufklärung“, die ein Selbstverständnis von uns als Individuum entwickelt und uns damit einen Rahmen für eine zukünftige Gesellschaft bietet. Ein Buch, das man definitiv dabei haben sollte, wenn man zum Nachdenken auf eine einsame Insel reist oder auch einfach nur Urlaub macht.
Weitere Lese-Empfehlungen zu den Themenbereichen Digitale Transformation und Entrepreneurship gibt es hier auf meinem Blog oder direkt bei Amazon.

Richard David Precht
Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft
Goldmann Verlag, 288 Seiten, 20,00 Euro
Kindle Ausgabe 15,99 Euro

Diesen Artikel teilen

Weitere Artikel

Artikel, Podcast
22. Juni 2022
Die Krypto-Anhänger mussten sich in den letzten Wochen an viele Tiefschläge gewöhnen. Nicht nur die direkt ablesbaren Kurse vieler Kryptowährungen sind um mehr als 50 Prozent abgestürzt; einige Geschäftsmodelle und die dahinter liegenden Unternehmen hat es sogar komplett zerlegt, zum Beispiel Celsius.
Artikel, Podcast
1. Juni 2022
Wir haben den Technologiebegriff in Medien, Dialog und Gesellschaft noch nicht an unsere Zeit angepasst. Aktuell sehen wir, wie vor allem Technologieaktien rasant an Wert verlieren. Technologie wird von vielen als die einzige Möglichkeit gesehen, wie wir als Menschheit überleben können. Andere warnen vor zu großer Abhängigkeit und fürchten sich vor Technologiegläubigkeit.
Artikel, Podcast
18. Mai 2022
Zeitenwende oder eine neue Ära? Wir Menschen versuchen zu begreifen, was sich gerade in unserer Welt abspielt: Eine neue Sicherheitslage, ein neues Verständnis für die Zerbrechlichkeit unserer Gesellschaft durch einen winzigen weltweiten Virus und die sich daraus ergebenden massiven Lieferkettenprobleme. Unsere globale Wirtschaft ist in Summe nicht flexibel und robust genug, um die externen Störungen der letzten zwei Jahre zu bewältigen. Da nutzen auch keine weiteren Geldinjektionen von Regierungen.
Artikel, Podcast
22. Juni 2022
Die Krypto-Anhänger mussten sich in den letzten Wochen an viele Tiefschläge gewöhnen. Nicht nur die direkt ablesbaren Kurse vieler Kryptowährungen sind um mehr als 50 Prozent abgestürzt; einige Geschäftsmodelle und die dahinter liegenden Unternehmen hat es sogar komplett zerlegt, zum Beispiel Celsius.
Artikel, Podcast
1. Juni 2022
Wir haben den Technologiebegriff in Medien, Dialog und Gesellschaft noch nicht an unsere Zeit angepasst. Aktuell sehen wir, wie vor allem Technologieaktien rasant an Wert verlieren. Technologie wird von vielen als die einzige Möglichkeit gesehen, wie wir als Menschheit überleben können. Andere warnen vor zu großer Abhängigkeit und fürchten sich vor Technologiegläubigkeit.