Die immaterielle Wirtschaft als wahrer Motor für den digitalen Wandel
Die immaterielle Wirtschaft als wahrer Motor für den digitalen Wandel (geralt / pixabay.com)

Die immaterielle Wirtschaft als wahrer Motor für den digitalen Wandel

Unser Wirtschaftssystem ist der Kapitalismus. Aber bei genauerer Betrachtung hat sich unser Wirtschaftssystem in eine Richtung weiter entwickelt, die wir mit bekannten Maßzahlen gar nicht mehr richtig beschreiben können. Materielle Wirtschaftsgüter werden in einer Unternehmens-Bilanz aufgeführt und lassen sich mit Kennzahlen wie dem Bruttosozialprodukt beschreiben. Auch ein paar immaterielle Wirtschaftsgüter wie Patente oder Rechte sind in (einigen) der Kennzahlen-Systeme zu finden.

Aber die immateriellen Werte, die heute über 95 Prozent des Wertes von Unternehmen wie Microsoft, Amazon oder Zalando ausmachen, tauchen in Bilanzen oder anderen Kennzahlen-Systemen erst gar nicht auf.

Die vier Charakteristika immaterieller Werte

Dazu gehören Unternehmensprozesse, Arbeitsweisen von Teams, die Fähigkeit, Lieferketten zu organisieren oder die Kompetenz, Software zu entwickeln. In all diese Eigenschaften muss (Geld) investiert werden. Häufig genug sind es digitale Prozesse, Software und IT-Systeme.

Für Jonathan Haskel und Stian Westlake sind in ihrem Buch Capitalism without Capital: The Rise of the Intangible Economy folgende vier Aspekte charakteristisch für immaterielle Werte:

  • Ihre Skalierbarkeit;
  • Sie ermöglichen Synergien;
  • Es gibt häufig Übertragungseffekte (Spillover);
  • Sie sind verloren und nicht sichtbar (Sunken).

“Immaterielle Werte als Bauplan für eine #digitaleZukunft“

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Anregende Gedanken zur Rolle immaterieller Assets

Soweit ist das für viele von uns noch nichts Neues. Spannend sind die Gedankenfäden und Fragen, die die Autoren daraus entwickeln:

  • Haben wir eine völlig falsche Einschätzung unserer aktuellen globalen Wirtschaftssituationen, weil das Wirtschaftswachstum noch komplett vorhanden ist, sich aber wegen der Unsichtbarkeit der immateriellen Werte nicht zeigt?
  • Hat die Ungleichheit unserer Gesellschaft und von Staaten ihren Ursprung im unterschiedlichen Umgang mit immateriellen Werten?
  • Wie müssten Staaten und Gesellschaften in Zukunft Gesetze und Regeln erlassen, damit sie an der Entwicklung von immateriellen Werten teilhaben können?
  • Wie müssen wir unser Finanzsystem und unsere Finanzierungskonzepte für den neuen immateriellen Kapitalismus anpassen?
  • Welche Anforderungen gibt es an die Manager von Unternehmen, deren wahre Wertschöpfung vor allem auf Basis von immateriellen Werten funktioniert?

Paradoxe Geschäftswelt

Zwar gibt es für all diese Fragen keine fertigen und umsetzbaren Antworten, aber die Richtung, in die wir steuern sollten, wird mit diesem neuen Gedankengebäude klarer. Der Titel Capitalism without Capital zeigt das Paradoxon schon perfekt auf: Für die Dinge, in die wir als Gesellschaft und Unternehmen investieren sollten, gibt es heute keinen Kredit – die weichen und immateriellen Werte sind schlicht nicht finanzierbar. Auf der anderen Seite honorieren Investoren bei der Unternehmensbewertung schon die erfolgreiche Umsetzung der immateriellen Investitionen in Form hoher Bewertungen.

Appell an digitale Macher

Und den Digitalisierern dieser Welt zeigt das Buch eindrucksvoll: Digitalisierung ist die aktuelle Technologie, mit der man immaterielle Werte beschleunigen und skalieren kann –  aber die Grundlagen dazu macht sich die Wirtschaft schon seit vielen Jahren mit etablierten Konzepten zunutze.

Insofern ist dieses Buch ein toller Grundstein für eine weitere Diskussion über unsere vor allem immaterielle und sicher auch digitale Welt von morgen.

Weitere Lese-Empfehlungen zu den Themenbereichen Digitale Transformation und Entrepreneurship gibt es hier auf meinem Blog oder direkt bei Amazon.

 

Jonathan Haskel, Stian Westlake
Capitalism without Capital: Rise of Intangible Economy
Princeton University Press, 279 Seiten, 15,99 Euro
Kindle-Ausgabe 21,08 Euro

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