Digitales Bio als Kennzeichnung für eine faire digitale Welt
Digitales Bio als Kennzeichnung für eine faire digitale Welt - Fotomontage stefanfritz.de

Digitales Bio als Kennzeichnung für eine faire digitale Welt

Was wir von Lebensmitteln für den korrekten Umgang mit unseren Daten lernen können 

Bislang setzen wir beim Umgang mit unseren Daten in der digitalen Welt auf die freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie. Ab und zu verweist jemand wie Max Schrems oder ein Minister auf die deutschen oder europäischen Datenschutzgesetze. Doch diese Schwerter sind recht stumpf und zeigen wenig Wirkung.

Die stärkste Waffe haben wir Verbraucher selbst in der Hand: Wenn wir Dienste, die nicht korrekt mit unseren Daten umgehen, einfach meiden, würde sich die Industrie vielleicht anpassen. Oder andere, faire Angebote hätten eine Chance. Leider ist das eine Utopie in dieser komplexen digitalen Welt, die kaum ein Nutzer durchdringt.

Lebensmittel im Klammergriff der Marktwirtschaft

So ähnlich war die Situation bis vor wenigen Jahren auch bei unseren Lebensmitteln. Marktwirtschaftliche Mechanismen bestimmten die Herstellung unserer Lebensmittel. So wurde die Produktivität im Laufe der Jahre immer weiter erhöht und die Preise immer weiter gesenkt. Dabei hat sich die Nahrungsmittelproduktion jedoch zunehmend von den Wertvorstellungen der Verbraucher entfernt.

Das Verdienst der Bio-Bewegung

In den 1970er Jahren war Bio mit Getreidemühlen etwas für belächelte intellektuelle Spinner. Die Verbraucher verfolgten dabei unterschiedliche Ziele. Das Verdienst der Bio-Bewegung in den letzten Jahren ist die Artikulation der komplexen Richtungen und Ziele wie:

  • Extensive Landnutzung,
  • Tierschutz,
  • Verzicht oder Reduktion des Einsatzes von Pestiziden,
  • Ablehnung gentechnisch veränderter Lebensmittel und Futtermittel.

Kern all dieser Aspekte ist, sich dem Effizienz-Diktat der Marktwirtschaft und des Kapitalismus zu entziehen. Mit der Entscheidung für gekennzeichnete Bio-Produkte trifft der Verbraucher eine Wahl und artikuliert seine Einstellung, ohne jedes Detail des komplexen Sachverhalts selbst prüfen zu müssen.

Der Bio-Ansatz und unser gespaltenes Verhältnis zu den Konzernen

Mit dem Bio-Konzept kann sich also zumindest ein Teil der Verbraucher dem Monopol- getriebenen Effizienzkreislauf von Monsanto, Nestlé und Unilever entziehen. Natürlich vor allem diejenigen, die es sich leisten können.

Solidarische Landwirtschaft: Die Solawi-Initiativen wie in Aachen auf Gut Wegscheid zeigen neue Konzepte einer solidarischen Landwirtschaft auf. Der Fokus liegt auf einer fairen Herstellung und Verteilung lokaler landwirtschaftlicher Produkte. Deutschlandweit gibt es mehr als 100 Solawi-Betriebe.

Und wer verantwortungsvoll handeln möchte, muss als Verbraucher in einigen Bereichen auf die Freiheit der Wahl verzichten: Unter Nachhaltigkeits-Aspekten ist nun ´mal nicht sinnvoll, im November Bio-Erdbeeren aus Timbuktu essen zu wollen.

Als Investoren und Anleger für unsere Altersvorsorge hingegen lieben wir rücksichtslose Kapitalisten wie Monsanto, Nestlé, Facebook, Apple und Google, die uns mit einer guten Rendite oder mit steigenden Kursen erfreuen. Wir Menschen sind in Summe schon ziemlich ambivalent.

Warum nicht den Bio-Ansatz auf die digitale Welt übertragen?

Trotz aller bekannten Schattenseiten der Bio-Siegel und anderer Kennzeichnungskonzepte ist dieser Ansatz auf die digitale Welt und für unsere Forderung nach Digitalen Werten übertragbar. Auch der bessere Umgang mit unseren Daten hat verschiedene Dimensionen, die einzelnen von uns mehr oder weniger wichtig sind und zunächst ein unbestimmtes Bild hinterlassen.

“Digitales Bio als Kennzeichen für den fairen Umgang mit unseren Daten“

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Übergeordnetes Ziel der Konzerne und damit Kritikpunkt von uns Nutzern ist auch in der digitalen Welt eine höhere Effizienz von Marktmechanismen, meist beim Verkauf von Waren und Diensten:

  • Weitergabe und Verkauf von Daten an andere Dienste.
  • Analyse der Daten durch BigData, um unsere Verhalten zu analysieren und zu manipulieren.
  • Vernetzung von Daten ohne unser Einverständnis.
  • Staatlicher Missbrauch der von privaten Unternehmen gesammelten Daten.
  • Reduktion von Kontrolle durch Sammlung von Daten.

Die reine Zusage, ob die Verarbeitung der Daten nach Maßgabe der strengen deutschen Datenschutzvorschriften geschieht, reicht für eine Bewertung für uns Verbraucher nicht aus. Wir benötigen verständliche zusätzliche Informationen, wie die Unternehmen mit unserem Schutzbedürfnis umgehen.

Ein digitales Bio-Siegel als Kennzeichen für den fairen Umgang mit unseren Daten

Ich bin überzeugt, dass Zertifikate und Kennzeichnungen für digitale Dienste ähnlich dem Bio-Konzept in der Lebensmittelproduktion einem Großteil der Verbraucher helfen können, ihre Wahl zu treffen und vor allem einen Anreiz für alternative Angebote schaffen. Ein digitales Bio-Siegel kann auch die verschiedenen Aspekte der Verbraucher unter einem einfachen Konzept für digitale Werte einen und damit für eine Wahrnehmbarkeit am Markt sorgen.

Die digital Skeptiker können wir mit einer Bio-digital-Bewegung ebenso ansprechen: Denn viele davon sind nicht gegen den Einsatz digitaler Technologien an sich. Sie wehren sich vor allem gegen das Maß der marktwirtschaftlichen Ausnutzung digitaler Technologien, die wir insbesondere durch US-Unternehmen des Silicon Valley wie Google und Facebook in den letzten Jahren erfahren haben. Ein Digitales Bio-Siegel kann uns helfen, digitale Technologien im Alltag nutzerfreundlich und mit weniger Missbrauchspotenzial einzusetzen.

So wie es in einer Bio-Welt weiterhin Unternehmen wie Monsanto und Nestlé gibt, wird es auch in einer Welt mit digitaler Bio-Kennzeichnung noch Facebook und Google geben. Denn das Konzept ist eben nur der Anfang für einen Umdenk-Prozess. Dennoch oder genau deshalb sollten wir anfangen und die Belange der Nutzer bündeln und artikulieren!

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