Ein ganz neuer Blick auf China

Ein ganz neuer Blick auf China (Bild: Charlottees/pixabay.com)
Ein ganz neuer Blick auf China (Bild: Charlottees/pixabay.com)

Zu China haben wir eine klare, medial gestützte Meinung: eine politische Ein-Parteien-Diktatur, antiquiert kommunistisch, Menschenrechte verletzend, ohne freie Meinungsäußerung, Patente raubend und Gehorsam erzwingend durch ein digitales System von Sozialpunkten. – Und jetzt kaufen die Chinesen noch unsere besten Unternehmen wie Kuka, um die Welt zu erobern – sowohl wirtschaftlich als auch als politische Supermacht. Nur eine westliche Großmacht (die USA) traut sich, dagegen zu halten.

Aber wie kann man mit diesem Bild von China die Wachstumszahlen der letzten 20 Jahre erklären? Wie kann eine Diktatur so viel Kreativität freisetzen bei neuen Technologien, wie zum Beispiel Huawei bei 5G? Bei Patenten? Bei Digitalisierung? Lässt sich so etwas zentral anordnen und Millionen von Menschen werden dann auf Befehl kreativ?

Ein vielschichtiges Bild

Wolfgang Hirn zeichnet in seinem Buch Shenzhen: die Weltwirtschaft von morgen ein anderes Bild von China. Ein Staat, der weiß, dass er sich nur mit dem inneren Antrieb von vielen Millionen Menschen weiter entwickeln kann. Eine Partei, die keine geschlossene Einheit ist, sondern in der es verschiedene Strömungen gibt. Neben den Hardlinern vor allem viele Parteimitglieder, die positive Veränderungen für das Land und die Bürger wollen. Und anders als unser europäisches Konsens-Konzept, bei dem immer das umgesetzt wird, wogegen keiner ist, hat sich in China ein hocheffizientes und agiles Transformations-Konzept etabliert: Ein Konzept mit regionalen Experimenten und Schwerpunkten. Die chinesische Führung probiert Konzepte aus in Sonderwirtschaftszonen, in denen besondere Regeln gelten.

Shenzhen, die quirlige Schwester im Perlfluss-Delta

Das Buch handelt von der erfolgreichsten Experimental-Region um Shenzhen, der Greater Bay Area. Im Perlfluss-Delta leben heute auf einer Fläche etwa doppelt so groß wie das Ruhrgebiet mehr als 70 Millionen Menschen. Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern, die jede ihre eigene Spezialisierung haben. Grüne Städte ohne Smog. Shenzhen ist seit mehr als fünf Jahren frei von Verbrenner-Antrieb-Autos. Nur Elektro-Autos dürfen hier fahren. Es gibt konkurrierende Hochgeschwindigkeitszüge, um jeden Ort in weniger als 60 Minuten zu erreichen.

Zusammen und doch im Wettbewerb zu Hongkong auf der anderen Meerseite experimentiert die politische Führung damit, wie sie das System „one Country – two systems” weiter entwickeln kann und wie demokratische Mitbestimmungs-Strukturen entstehen können.

Experimentieren mit Energie und Entschlossenheit

Das Buch ist voll von unglaublich erscheinenden und aufrüttelnden Fakten, wie der Staat, die Region, die Wirtschaft, die Menschen experimentieren und damit von Superlativ zu Superlativ gelangen. Mit welcher Energie und Entschlossenheit neue Lebenskonzepte ausprobiert werden. Wie sehr Millionen von Menschen begeistert sind, ihre Gesellschaft und ihre Wirtschaft weiter zu bringen, sie zu entwickeln.

Die umfassende Betrachtung und der integrative Wille, alle möglichen Aspekte menschlicher Gesellschaft weiter zu entwickeln – von Stadtplanung über Gesundheit bis zur Wirtschaft – und wie die Bevölkerung diese Chancen sieht und ergreift, darum geht es im Kern des Buches.

Die Grundlage: ein agiles gesellschaftliches Betriebssystem

Mit der Musterstadt Shenzhen und dem Perlfluss-Delta haben sich „die Chinesen” (Staat, Wirtschaft und Bewohner) ein gesellschaftliches Betriebssystem entwickelt, mit dem Transformation und Anpassung an dringend erforderliche Einflüsse wie Umwelt und menschliche Teilhabe schneller möglich sind als mit unserer heutigen Form von Demokratie. Die Ähnlichkeiten zu agilen Vorgehensweisen, die hierzulande Start-Ups und High-Tech-Unternehmen anwenden, sind frappierend: Es geht um Ausprobieren, Experimentieren, Messen und Anpassen in einer enormen Geschwindigkeit. Veränderung als DAS Mantra für Gesellschaft, Staat, Wirtschaft und uns Menschen.

Wenn wir Missstände in Hongkong, Shanghai oder Peking sehen, dann dürfen wir diese eben nicht auf einen Staat mit mehr als viermal so viel Einwohnern wie Europa verallgemeinern. Mit dem Buch von Wolfgang Hirn wird klar, warum diese chinesische Kultur so erfolgreich wird und wir beginnen, uns davor zu fürchten.

Wie schaffen wir Bedingungen für einen positiven Veränderungswillen?

Solange wir unseren Status Quo einfach erhalten wollen, haben wir gegen dieses Transformation-Konzept keine Chance. Aber anstatt Angst vor „den Chinesen” zu bekommen, sollten wir uns genauso wie Start-Ups und High-Tech-Unternehmen fragen: Was müssen wir an äußeren Bedingungen ändern, um wieder einen positiven Veränderungswillen in unserer Gesellschaft zu erzeugen?

Aber vielleicht müssen wir ja gar nicht alles ändern. Vielleicht reicht es ja, wenn die Europäische Union den Veränderungswilligen eine Region zur Verfügung stellt, in der weniger Regeln eingehalten werden müssen, als in den anderen Ländern in Europa? Solche „Regel-arme Innovations-Zonen” helfen uns dann vielleicht, auch politisch wieder mit etwas mehr Zuversicht in die Zukunft schauen zu können.

Bis dahin sei jedem das Lesen dieses Buches empfohlen – bei mir hat es die Einstellung zu China nachhaltig verändert.

Weitere Lese-Empfehlungen zu den Themenbereichen Digitale Transformation und Entrepreneurship gibt es hier auf meinem Blog oder direkt bei Amazon.

Wolfgang Hirn
Shenzhen: die Weltwirtschaft von morgen
Campus Verlag, 286 Seiten, 25,00 Euro
Kindle-Ausgabe 22,99 Euro

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