Ein ungewöhnlicher Blick auf Risikobereitschaft und Motivation
Ein ungewöhnlicher Blick auf Risikobereitschaft und Motivation (Bild: Alexas_Fotos/pixabay.com)

Ein ungewöhnlicher Blick auf Risikobereitschaft und Motivation

Taleb macht bereits im Einband klar, worum es in seinem aktuellen Werk Das Risiko und sein Preis geht: Wir sollten nur Menschen vertrauen, die mit ihren Handlungen und Empfehlungen etwas zu verlieren haben.

Schon zu Beginn rechnet er ab mit all den Menschen, die Macht und Einfluss haben, ohne wirklich den Kopf hinzuhalten für das, was sie tun und veranlassen: So kommen Intellektuelle, Journalisten, Bürokraten und Banker nicht gut weg: denn sie alle haben kein „Skin in the game“ und lassen uns ihre Entscheidungen ausbaden, ohne selbst ein Risiko einzugehen.

Die vielen weiteren Seiten sind gefüllt mit Anekdoten und zum Teil wirklich schrägen Beispielen. Und bei einigen Beleidigungen übertreibt Taleb sicherlich. Aber kurz vor dem Überspannen des Ironie-Bogens kommen doch wieder ein paar Einsichten, die einen weiterlesen lassen.

Die mit großen Sprüngen abgearbeiteten Themengebiete entstammen grob drei Bereichen

  • Individuelle Handlungen
  • Gesellschaft und Markt
  • Religion

Individuelle Handlungen (und Weisheiten)

Talebs Kernbotschaften im Bereich „Individuelle Handlungen (und Weisheiten) erinnern zum Teil an Sinnbotschaften und Sprichworte, regen aber auf jeden Fall zum Nachdenken an:

  • Unser Körper macht uns verwundbar, real. Etwas real zu erleben und nicht (nur) virtuell, ist also ein Risiko für uns.
  • Neid haben Menschen in ähnlichen Schichten untereinander. Über Schichten hinweg gibt es eigentlich keinen Neid.
  • Frei ist, wer nicht von der Beurteilung anderer abhängt.
  • Wer redet, sollte auch handeln – und nur wer handelt, sollte auch reden.

Die dazu angeführten Beispiele und Geschichten sind zum Teil ganz nett. Aber als Erkenntnisgewinn ist dieser Abschnitt noch relativ schwach. Interessanter sind die Aussagen im Umfeld Gesellschaft und Markt:

Gesellschaft und Markt

Rational ist, was dem Kollektiv – also Einheiten, die auf langfristiges Überleben ausgelegt sind – ermöglicht zu überleben. Alles andere ist irrational. Rationalität ist also die Vermeidung eines systematischen Ruins. Das finde ich ein starkes Statement, genau wie die These, dass ein Markt letztlich ein Ort für den Tausch von Risiken ist.

Absolut fasziniert bin ich von Talebs Ableitung, dass der Markt und dessen Regeln das Ergebnis bestimmen und nicht die handelnden Individuen.

Ebenfalls sehr gelungen sind seine Herleitungen, warum auch Angestellte „Skin in the game“ haben; nämlich wegen ihrer Angst, anstellbar zu bleiben.

Dabei sind es Nebenleistungen wie Autos und andere Firmen-Anreize, die Angestellte abhängig machen: Eben, weil man sie sich vom eigenen Geld nicht kaufen würde, so aber dazu gezwungen wird und dann darauf nicht mehr verzichten möchte oder kann. Unterm Strich geht es bei uns Menschen nicht darum, was man hat, sondern wieviel Angst man vor dem Risiko hat, das zu verlieren, was man hat.

In diesem Sinne bedeuten Beziehungen Schmerzen, die Familie entsprechend viel Schmerzen; Konzepte wie das Zölibat oder andere kulturelle Regelungen sind hingegen vorgefertigte Antischmerz- Therapien, die uns unabhängiger machen sollen und auch können.

Religion

In den verschiedenen Kapiteln geht es immer wieder um Religion. Dabei ist Fasten für ihn „Skin in the game“, also ein wirkliches Einbringen. Und Taleb hat beim Thema Religion eine Mission: Er hält die westliche Offenheit einigen anderen Religionen gegenüber für einen Fehler.

Für ihn verbinden Religionen unterschiedliche Bereiche: für Protestanten ist Religion Glaube ohne Ästhetik, Pomp oder Gesetz. Für Juden ist Religion ein kulturelles Phänomen ohne das Gesetz. Für Katholiken ist Religion Ästhetik, Pomp und Ritual. Für Hindus ist Religion eine spirituelle Philosophie mit einem Sittenkodex. Die westlichen Regionen wollen nicht beim Wort genommen werden. Westliche Religion bewegen sich vom Wort weg. Das ist aus seiner Sicht beim schiitischen Islam anders: Hier geht es um eine fundamentale wortgetreue Auslegung und eine Verknüpfung von Glauben und Gesetz.

Unterlegt von seinen Beispielen, dass wir regelmäßig von Minderheiten regiert werden, hat Taleb die Befürchtung, dass wir mit unseren westlichen Werten dem schiitischen Islam zu wenig entgegenzusetzen haben.

Schön ist sein Gedanke, dass wir nur durch die Endlichkeit unseres Lebens die Anpassungsfähigkeit des Menschen an Umwelteinflüsse über Selektion ermöglichen.

Die Gedankensprünge sind wild. Eine systematische Abhandlung zum Thema Risiko-Management ist das Buch sicherlich nicht. Genau hier liegt aber für mich der Reiz von Taleb. Man kann die Auseinandersetzung mit seinen Gedanken quasi nur mögen oder lassen.

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Nassim Nicholas Taleb
Das Risiko und sein Preis – Skin in the Game
Penguin Verlag, 384 Seiten, 26,00 Euro
Kindle-Ausgabe 19,99 Euro

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