Eine neue Sicht auf die wirklich bestimmenden Wirtschaftsfaktoren und die Globalisierung

Eine neue Sicht auf die wirklich bestimmenden Wirtschafts-Faktoren und die Globalisierung (Bild: geralt/pixabay.com)
Eine neue Sicht auf die wirklich bestimmenden Wirtschafts-Faktoren und die Globalisierung (Bild: geralt/pixabay.com)

Da ringen Keynes und Modern Monetary Theory (MMT) als Konzepte um die Deutungshoheit und könnten in ihren Ansätzen nicht unterschiedlicher sein. Die vielen neuen Covid-Schulden lassen uns fragen, ob Geld und Fiskalpolitik aktuell wirklich noch getrennt, oder – wie es MMT fordert – schon längst verschmolzen sind. 

Aber bei allem Streit um die Wahrheit des Konzeptes gibt es doch gemeinsame Ziele: Vollbeschäftigung, Preisstabilität und damit auch eine möglichst geringe Inflation. Und so richtig erklären können beide Theorien nicht, warum es in den letzten 25 Jahren ein anhaltendes reales Produktionswachstum bei gleichzeitigen deflationären Tendenzen gibt.

Für diese real zu beobachtenden Ergebnisse haben die Autoren Charles Goodhart und Manoj Pradhan eine Antwort: Sie zeigen in ihrem Buch The Great Demographic Reversal auf, dass wir in den letzten 30 Jahren einen massiven Überhang an Arbeitskräften haben. Erst in den USA und Europa (in den 1990er Jahren) und in den letzten 15 Jahren in China. Dieses Überangebot an preiswerten Arbeitskräften und neuen (digitalen) Technologien hat zum einen die Globalisierung massiv getrieben und zum anderen die Verhandlungsmacht von Arbeit reduziert. Dadurch konnte die Rendite des Kapitals und der technologischen Investitionen deutlich steigen. Die natürliche Arbeitslosenquote (NRU) ist stetig gesunken.

Die Zukunft: eine sinkende Zahl an Arbeitskräften 

Beim Blick in Richtung Zukunft werden die Abweichungen von den üblichen Meinungen deutlicher. Die Autoren gehen davon aus, dass Asien mit China den entscheidenden Einfluss auf die globale Wirtschaft hat. Denn sowohl in den USA und Europa als auch in China wird es zu einer großen demographischen Umkehr der Arbeitskräfte kommen. Zwar wächst die Gesamtbevölkerung in den nächsten Jahren auch in diesen Ländern noch, aber die Anzahl der Arbeitskräfte nimmt rapide ab. Mit einer geringeren absoluten Zahl an Arbeitskräften müssen wir nun die immer älter werdenden Menschen mitversorgen. Kommen wir aus einem Verhältnis, dass drei Arbeitskräfte für die Versorgung eines Rentners aufkamen, so wird in Zukunft eine Arbeitskraft für mehr als zwei Rentner zuständig sein.

Außer in Afrika wird diese umgekehrte Relation überall auf der Welt zu beobachten sein. Dadurch werden wir nicht nur auf massive Verteilungskämpfe zusteuern, sondern es ist damit klar zu erkennen, dass sich die Arbeitskosten aufgrund der hohen Nachfrage deutlich erhöhen werden. 

Der bisherige Stabilisator für geringe Arbeitskosten – China – steht durch die Ein-Kind-Politik selbst vor dem Problem von zu wenig Arbeitskräften.

Und die Ergebnisse geringer wirtschaftlicher Verhandlungsmacht ernten heute die populistischen Kräfte, die wir zum Teil schon in den Parlamenten beobachten. Das ist das Aufbegehren der Menschen, die spüren, dass sie wirtschaftlich keine angemessene Rolle spielen, sich aber durch die Artikulation ihrer Unzufriedenheit über populistische Politiker Gehör verschaffen.

An welchen Schrauben können wir drehen?

Vor diesem Hintergrund entwickeln die Autoren ein Bild von Handlungsfeldern zur Gestaltung unserer Zukunft. 

  • Welchen Beitrag können Indien und Afrika in dieser Welt leisten?
  • Macht es Sinn darüber nachzudenken, unser Wirtschaftssystem von einem Schulden-basierten System in ein Equity-basiertes System umzuwandeln? Wie müssten Staaten vorgehen und was wären Rahmenbedingungen? (Steuern auf Ausfuhren, Veränderung der Anreiz-Struktur für Manager, höhere Verantwortlichkeit für kurzfristiges Handeln).
  • Neue Steuerkonzepte, mit denen alternative Anreize geschaffen werden, um zum Beispiel die Nutzung großer Häuser für Ältere zu reduzieren.

All diese Gedanken werden umfangreich mit Zahlen dokumentiert bzw. hergeleitet. Ich habe dadurch unfassbar viele neue Ideen und Anstöße erhalten, die bisher für mich einfach nicht sichtbar waren. Den beiden Autoren gelingt es, praktisch ein ganz neues Universum an Argumenten und Facetten zu unserer Ökonomie aufzuzeigen, die die Veränderung in der Anzahl der Arbeitskräfte abfedern könnten.

Durch die vielen Beispiele wird die Auswirkung von Makro-Ökonomie auf unseren Alltag sichtbar; Zusammenhänge zu politisch erforderlichen Schritten werden greifbar. Eine absolute Leseempfehlung!

Und: ganz unabhängig von diesen Zukunftsbetrachtungen folgt daraus, dass es in den nächsten drei Jahrzehnten ein niedrigeres Wachstum, eine schnellere Inflation und höhere nominale Zinssätze geben wird als in der letzten Zeit. Ganz unabhängig von Keynes und MMT, die den Systembegriff auf den einzelnen Staat setzen und damit eine Nummer zu klein für unsere globale Welt denken.

Weitere Lese-Empfehlungen zu den Themenbereichen Digitale Transformation und Entrepreneurship gibt es hier auf meinem Blog oder direkt bei Amazon

Charles Goodhart, Manoj Pradhan
The Great Demographic Reversal: Ageing Societies, Waning Inequality, and an Inflation Revival
Palgrave Macmillan, 280 Seiten, 20,99 Euro
eBook 18,71 Euro 

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