Kannst Du mal eben gucken? – Eine App will die Welt ein Stück besser machen

Kannst Du mal eben gucken? – Eine App will die Welt ein Stück besser machen

Mit den eigenen Augen und dem Smartphone einem fremden Blinden mal kurz helfen, das ist die Idee hinter Be My Eyes (sei mein Auge).

Hans Jørgen Wiberg, Gründer des dänischen StartUps, hat sich gefragt, wie Blinde an für sie wichtige Informationen im direkten Umfeld kommen können, die für sie unerreichbar sind: Das Lesen des Verfallsdatum auf der Milchpackung, die Zusammensetzung der Nährstoffe eines Produktes im Supermarkt, oder die Anzeigetafel am Flughafen oder Busbahnhof. Ohne einen Begleiter oder hilfsbereite Mitmenschen sind diese Aufgaben für Menschen mit Seheinschränkung nicht einfach zu bewältigen.

Potentielle Helfer trauen sich oft nicht, Wildfremden ihre Hilfe anzubieten. Oder sie haben Sorge, sich zeitlich zu sehr zu binden. Und diejenigen, die Hilfe brauchen, möchten Familie, Freunde und hilfsbereite Nachbarn nicht ständig mit ihren Bitten stören.

Hans Jørgen Wiberg kennt die Situation, er hat selber ein eingeschränktes Sehvermögen. Und er hat festgestellt, dass die neuen Technologien Menschen wie ihm helfen können: Blinde können Smartphones mittels Sprachsteuerung bedienen und einige bitten Sehende bereits via Skype oder Facetime um Hilfe, wenn genaues Hinsehen nötig ist. Der Nachteil: der Hilfesuchende spricht wieder seine üblichen Helfer an, die er doch nicht ständig fragen will. Hier setzt die App an: Be My Eyes schafft ein Netzwerk aus hilfsbereiten Menschen und solchen, die Hilfe benötigen und verbindet sie über Video-Chat. Ein Nicht-Sehender meldet, dass er Hilfe braucht und der Hilfswillige, der sich am schnellsten auf die Anfrage meldet, hilft ihm. Der Dienst überträgt die Bilder nicht einfach zum nächsten Nachbarn, sondern macht Helfen von irgendwo auf der Welt möglich.

Der Nutzen für die Blinden ist klar: Er bekommt Unterstützung, wann er sie braucht und gewinnt ein Stück Unabhängigkeit. Denn die Fremden helfen ihm freiwillig; er geht keine Beziehung ein, die ihn verpflichtet. Aber was springt für den Hilfe-Spendenden heraus? Genau das ist die spannende Frage, die dieser Dienst beantwortet: Mit meiner Hilfe kann ich Dankes-Punkte und gute Bewertungen sammeln – und mir so ein gutes Gefühl verschaffen. Ob das ausreicht, um den Dienst langfristig am Leben zu halten, ist zu hoffen aber noch offen. Micro-Volunteering nennt Wiberg den Ansatz: Hilfe in kleinen Dosen, wenn man Zeit hat. Das sollte jedem ermöglichen, mit geringem Zeiteinsatz und ohne persönliche Verpflichtung zu helfen.

Insofern ist diese App ein spannendes Experiment, wie man mit unseren Smartphones einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft leisten kann. Ich drücke die Daumen, dass sich dauerhaft genügend Helfende finden! Und ich hoffe, dass die App und der Dienst andere auf neue Ideen bringen, wie wir als Gesellschaft die Inklusion und damit das aktive Zusammenleben von Menschen mit und ohne Handicap vielleicht auch mit digitaler Technik voran bringen können!

Dieser Artikel erscheint heute auch in meiner Kolumne auf der Vernetzt-Seite (Seite 18) der Print-Ausgabe von Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten.

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