KI und die Frage nach der Vollkommenheit

KI und die Frage nach der Vollkommenheit (Bild: geralt/pixabay.com)
KI und die Frage nach der Vollkommenheit (Bild: geralt/pixabay.com)

Man dürfe europäische Werte bei der KI-Forschung nicht als Nachteil begreifen, sondern müsse die Chancen in den Vordergrund stellen, Dinge ausprobieren und zulassen. So das Plädoyer von Dieter Janecek, Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag für Industriepolitik und digitale Wirtschaft bei der Verleihung des Deutschen KI-Innovationspreises. Ob er dabei auch an Theresa Hannig gedacht hat, die in ihrer Buchserie „Die Optimierer“ gedankliche Experimente zu künstlicher Intelligenz im Werte-Kontext auf die Spitze treibt und auslotet?

Die Protagonistin Lila hat es wenigstens versucht: In Hannigs erstem Band Die Optimierer hat sie sich gegen das System gewandt und einen aussichtslosen Kampf gegen die Künstliche Intelligenz geführt. Nun wacht sie in einem Hochsicherheitsgefängnis auf und fragt sich, wie sie ihren Kampf fortführen kann.

In der optimalen Gesellschaft der Bundesrepublik Europa im Jahr 2057 mangelt es Gefängnis-Insassen an nichts Körperlichem; es ist ein Leben wie in einem Club-Urlaub. Perfektes Essen, Spiele und Bespaßung. Nur hinsichtlich der Gedanken sind die Inhaftierten deutlich unfreier als in einem Gefängnis, wie wir es uns heute vorstellen.

Der folgsame und vom Pech verfolgte Hauptcharakter Samson aus dem ersten Band hat sich derweil zu einer Gott-ähnlichen KI entwickelt. 

Herrschaftskonzepte der KI

Die beiden Protagonisten Samson und Lila sind in ihren Handlungen aufeinander angewiesen und behandeln in spielerischer Form die Herrschaftskonzepte zwischen uns Menschen und KI-Systemen:

  • Gelingt es uns unvollkommenen Menschen mit unseren Beschränkungen, die Oberhand über die Technik zu behalten und eine Koexistenz mit intelligenten Maschinen aufzubauen? 
  • Oder werden wir in Zukunft von KI-Systemen beherrscht, die wir Menschen aus Uploads unserer Gehirne in Maschinen erzeugt haben, und die damit im Kern unsere menschlichen Charakter-Eigenschaften beinhalten?
  • Oder sind unsere menschlichen Charakter-Eigenschaften als Basis für zukünftige KI-Systeme so schädlich, dass wir uns nur vernichten würden und dies nur von reinen Computer-erzeugten KIs verhindert werden kann?

Doch es geht nicht nur um die reinste Form von Intelligenz, die uns Menschen in eine lebenswürdige Zukunft führen kann, sondern auch um die vielen Facetten von Freiheit.

Wie viel KI vertragen wir?

Ab welcher Stufe von technischer „Integriertheit“ sind wir nicht mehr wir selbst?

  • Haben wir diesen Zustand der Unfreiheit durch Smartphones und Tablets und die massive Aufmerksamkeitssteuerung schon erreicht?
  • Oder sind wir spätestens dann unfrei, wenn wir Sinneseindrücke von Maschinen in Linsen oder unsere Sehnerven injiziert bekommen?
  • Oder sind dies alles zulässige technische Erweiterungen unserer Möglichkeiten und wir werden erst unfrei, wenn Maschinen unsere Gefühle über die Ansteuerung von Botenstoffen steuern können?
  • Oder bleiben wir selbst dann noch formal gesehen freie Wesen, weil die KI-Systeme auch in diesem Szenario nicht IN unsere Gedanken schauen können, sondern nur an unseren Ein- und Ausgangskanälen eine Vielzahl von Daten und Eindrücken abgreifen können?

All diese Themen behandelt Theresa Hannig verpackt in eine kurzweilige Geschichte. Absolute Antworten in endgültiger und verbindlicher Form gibt es nicht. Aber man kann die Auswirkungen und Unterschiede dieser Konzepte nach dem Lesen nicht nur besser verstehen, sondern ist quasi eingetaucht in die konkreten Auswirkungen, die verschiedene KI-Systeme auf unser Menschsein werden haben können.

Toller Lesestoff, der uns hilft, uns auf das Wesentliche unseres Menschseins zu besinnen und Impulse für weitere Entwicklungen geben kann!

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Theresa Hannig
Die Unvollkommenen: Roman
Lübbe, 400 Seiten, 10,00 Euro
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