Was passiert mit dem Kapitalismus in der digitalen Welt?
Was passiert mit dem Kapitalismus in der digitalen Welt? (pixabay.com/geralt)

Was passiert mit dem Kapitalismus in der digitalen Welt?

Von Smith, Marx und Keynes über Hayek bis Friedmann – das volkswirtschaftliche Rüstzeug für eine Diskussion über die Auswirkungen der Digitalisierung auf unser Wirtschaftssystem.

Wie funktioniert Geld? Warum gibt es Finanzkrisen? Kein Ökonom weiß eine Antwort auf diese Art von Fragen. Die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann meint: Wer ein tieferes Verständnis dieser Prozesse erreichen möchte, der muss sich mit den Klassikern der Ökonomie auseinandersetzen. In ihrem Buch „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung: Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können“ erweckt Hermann also die Theorien von Smith, Marx und Keynes zum Leben. Sie verschafft uns jeweils sehr persönliche Einblicke in deren Kindheit, Ausbildung und Wirken. So werden die Charaktere hinter den Theorien greifbar und verständlich, und man erhält unabhängig von den Fakten einen Eindruck von den persönlichen und gesellschaftlichen Umständen, die diese Menschen prägten.

Neuer Kontext abseits der Neoklassik

Die zentrale These des Buches ist, dass wir in den letzten 30 Jahren viele volkswirtschaftliche Fehler hätten vermeiden können, wenn wir uns nicht so einseitig auf die Neoklassik eingelassen und verlassen hätten. Das Kapitalismus-, Markt- und Verbraucherbild der Neoklassik passt zwar perfekt in die zahlenorientierte Welt der heutigen universitären Erkenntnismaschine, aber viel Wissen der alten, ganzheitlichen Ökonomen scheint dabei verloren gegangen zu sein.

Ohne die übliche politische Dialektik werden die makroökonomischen Geschehnisse der letzten 100 Jahre (zwei Weltkriege, die Unmöglichkeit von Reparationszahlungen, eine große Rezession, das deutsche Wirtschaftswunder und die eine oder andere Wirtschaftskrise) in einen neuen makroökonomischen Kontext gesetzt.

Der Markt als Sozialmechanismus

Aus Sicht von Ulrike Hermann wird Keynes bewusst missverstanden, denn sein übergeordnetes Ziel ist nicht der absolute Einfluss des Staates auf die Märkte, sondern der Staat als rationales Regulativ, das den freien ungezügelten Kapitalismus der Spekulation im Zaum hält und dadurch die sozialen Aspekte der Märkte überhaupt erst ermöglicht. Für Hermann und Keynes ist ein Markt vor allem ein sozialer Mechanismus zwischen Subjekten, der sich dadurch schon per Definition der reinen Bestimmung durch Zahlentheorien entzieht.

“Wir brauchen eine ganzheitliche Sicht auf unsere Wirtschaftssysteme: „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung““

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Märkte inmitten der Digitalisierung

Diese Besinnung auf einen ganzheitlichen und subjektorientierten Ansatz von Märkten wird uns sicherlich bei der Diskussion über die Digitalisierung unserer Gesellschaft helfen:

  • Können wir mit reinen digitalen Agentenmodellen tatsächlich Märkte betreiben?
  • Und können digitale Stellvertreter von uns in Form solcher Agenten überhaupt Märkte bilden, in denen eine reale Preisbildung stattfinden kann?
  • Was passiert mit den Preisen, wenn so wenig Arbeitskraft durch die Automatisierung in einem Produkt oder Service enthalten ist, dass die Grenzkosten auch von physischen (nicht digitalen) Produkten gegen Null tendieren?
  • Oder was passiert, wenn wir immer mehr Produkte und Services in die Plattformökonomie hereinziehen und Netzwerkeffekte so starke Anreize für Konsumverhalten bilden, dass die bisherigen Konzepte zur Vermeidung von Oligopolen und Monopolen faktisch von den Konsumenten selbst aufgehoben werden?

Besinnung auf ganzheitliche Sicht

Auf alle diese Fragen gibt es meines Wissens noch keine vernünftigen Antworten. Aber das Buch von Ulrike Hermann zeigt, dass wir uns sicher nicht auf die aktuellen Theorien der Neoklassik verlassen dürfen. Stattdessen dürfen und sollten wir wieder eine ganzheitliche Sicht auf unsere Wirtschaftssysteme, die Mikroökonomie und die Makroökonomie und vor allem auf uns Menschen als soziales und mit Sicherheit nicht vollkommen rationales und ökonomisches Wesen haben.

Weitere Lese-Empfehlungen zu den Themenbereichen Digitale Transformation und Entrepreneurship gibt es hier auf meinem Blog oder direkt bei Amazon.

Ulrike Herrmann
Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung: Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können Piper  Taschenbuch, 288 Seiten, 11,00 Euro
Kindle Ausgabe 13,99 Euro

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