Telefonieren – eine antiquierte Kommunikationsform?
Telefonieren – eine antiquierte Kommunikationsform? (Capri23auto / pixabay.com)

Telefonieren – eine antiquierte Kommunikationsform?

Die Entstehung der Telefonkultur, wie wir sie heute kennen, nahm ihren Anfang, als im 19. Jahrhundert Farmer in den USA die Drähte ihrer Kuhzäune mit denen der Nachbarfarmen zu den ersten Telefonnetzen zusammenschlossen. So konnte über das Telefon Klatsch und Tratsch ausgetauscht und sogar das ein oder andere Gesellschaftsspiel gespielt werden.

So ähnlich lief das auch vor 40, 50 Jahren, als Telefonate durchaus mal mehrere Stunden dauern konnten, wenn sich die richtigen Frauen zusammentaten. Damals schaffte das Telefonieren noch Nähe und ermöglichte den Austausch auch über intime Themen. Die Technik erzeugte Verbindungen: persönlich, direkt und unmittelbar. In der Geschäftswelt hat man sich, anders als heute, mehrheitlich noch wirklich getroffen. Das waren die Zeiten der nahezu unendlichen Reisbudgets. Wo zu einem Meeting noch ein Mittagessen gehörte.

Und heute? Im Zeitalter der Digitalisierung sind wir ständig und überall miteinander verbunden und können uns vor Kanälen kaum retten. Über unsere Smartphones sind wir nicht nur telefonisch erreichbar, sondern auch via E-Mail, SMS, Hangout, Facebook, WhatsApp, Threema,, Facetime, Skype, iMessage und wie sie alle heißen. Und es soll sogar Menschen geben, die noch das Festnetztelefon benutzen. Und Treffen werden nicht nur in der Realität, sondern zusätzlich auch in der Online-Parallelwelt über die virtuelle Identität abgewickelt.

Das gute alte Telefon – zu direkt?!

Bei dieser Auswahl kommt uns das gute alte Telefon schon fast zu direkt vor. Als Anrufer stört man, fordert ungeteilte Aufmerksamkeit – man platzt einfach irgendwo herein. Dann doch lieber einen kleinen Chat: da kann man mit zehn Personen gleichzeitig in Verbindung stehen. Und wenn man gerade keine Zeit oder keine Lust hat, reagiert man eben später. Oder doch besser Email: einfach das Thema abkippen, schon endgültig klären – und am besten erst gar keinen echten Dialog entstehen lassen.

Früher – einige erinnern sich vielleicht noch an Zeiten, als der Telefonapparat einen festen Standort in der Wohnung hatte – konnte man nach einem längeren Freizeichen des Festnetztelefons davon ausgehen, dass der andere gar nicht im Raum war und daher den Anruf nicht beantworten konnte. Weil dies der wahrscheinlichste Fall war, wäre es auch unhöflich gewesen davon auszugehen, dass der Empfänger nicht ans Telefon gehen wollte – zumal vor den ISDN-Zeiten ja gar nicht klar war, wer am anderen Ende nach einem verlangte. So einfach war das. Man war gar nicht da, einfach nicht in der Lage zu kommunizieren und es war unmöglich erreicht zu werden, wenn man nicht direkt neben seinem Telefon saß. Und da wir Menschen – von verliebten Teens vielleicht abgesehen – nicht gerade wartend neben dem Telefon ausharren, sondern uns bewegen, war es damals etwas Besonderes, wenn man den Angerufenen ohne Verabredung ans Telefon bekam.

Die Komplexität des modernen Telefonierens

Heute ist das Telefonieren eine unendlich komplexe Geschichte geworden. „Dran gehen“ kann man immer. Auch wenn man mit dem Kaiser von China zusammen sitzt. Es klingelt und brummt – überall. Wenn man heute die Entscheidung fällt, nicht ans Telefon zu gehen, dann signalisiert man seinem Anrufer: Ich habe etwas Wichtigeres zu tun, als jetzt mit Dir zu sprechen. Oder man lässt den Kaiser von China einfach den Kaiser sein und beantwortet nur mal eben schnell das Telefonat. Und wenn man schon nicht dran gehen kann, wird direkt eine kleine vorbereitete Nachricht gesendet „Kann jetzt nicht sprechen.“– Für den Empfänger ein echter Informationsgewinn!

“Kommunikation? Ja, aber bitte nicht so direkt!“

Twittern WhatsApp

Warum müssen wir Menschen uns jetzt schon dafür rechtfertigen, dass wir nur an einem Ort und bei einer Sache gleichzeitig sein können oder wollen?

In der Alles-Gleichzeitig-Welt erscheint uns die unmittelbare Verbindung von einem zum anderen Menschen irgendwie zu direkt. Zu sehr synchrone Echtzeit,  zu intim. Da gehen wir doch lieber auf quasi Echtzeit, in den Multitasking-Zeitscheiben-Betrieb: in dieser Welt können wir mit mehreren anderen Individuen auf einmal kommunizieren. In quasi Echtzeit, dazwischen ein wenig digitale Plattform.

Ungeteilte Emotionalität am Telefon sitzt und trifft – mittelbar. Eine schlechte Nachricht in einer von 10 gleichzeitig geführten Kommunikationsverbindungen trifft nicht so hart, quasi nur 10 Prozent. Aber: wenn wir selbst auf einen anderen wirken wollen, dann sind wir auch nur noch 10 Prozent „wert“. – Autsch, der Gedanke schmerzt!

Brauchen wir jetzt einen Digital-Kurator für unsere Kommunikation?

Also egal wie viele Kanäle um Eure Aufmerksamkeit kämpfen, ihr müsst eine Entscheidung treffen. Alles gleichzeitig funktioniert nicht, dann verlieren wir etwas, das selbst die beste und neueste Technologie uns nicht einfach so ersetzen kann, nämlich ungeteilte Aufmerksamkeit, Konzentration auf eine Sache. Mehr bedeutet in diesem Zusammenhang nun wirklich nicht besser, sondern auf jeden Fall das Gegenteil.

Und wer diese Entscheidung für sich selbst nicht herbeiführen kann, der fragt am besten den (Digital-) Kurator. Den Experten auf diesem Gebiet. Er zeigt uns den Weg aus dem Dschungel der Möglichkeiten und hebt unsere Informationskanäle auf ein neues Qualitätsniveau.

Wenn beim nächsten Anruf niemand ans Telefon geht, probiert es doch einfach mal ganz ohne Vermutungen und Interpretation!

Und wenn Ihr dann wirklich miteinander telefoniert: lehnt Euch zurück, entspannt Euch, und genießt es! Schenkt Euch Aufmerksamkeit. Es fühlt sich gar nicht so schlecht an mal ein paar Minuten auf das Smartphone zu verzichten – versprochen!

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