Von wegen Vorreiter für die digitale Welt: So digital sind die USA wirklich
Von wegen Vorreiter für die digitale Welt: So digital sind die USA wirklich (Foto: Stefan Fritz)

Von wegen Vorreiter für die digitale Welt: So digital sind die USA wirklich

Mein persönliches Fazit nach 10 Tagen Ostküste

Die USA sind viel weiter bei der Digitalisierung, die Menschen viel fortschrittlicher und aufgeschlossener. So hören wir es von all denen, die meinen, Europa müsse „aufholen“ und „den Anschluss finden“ in der digitalen Welt. Während meiner USA-Reise entlang der Ostküste (Washington, New London, New York) habe ich bei der Nutzung der gehypten Plattformen und aus den Begegnungen mit verschiedensten Menschen etwas differenziertere Eindrücke gesammelt.

Airbnb: weltweit private Unterkünfte – aber zu welchem Preis?

Das Aussuchen der Unterkunft und die Buchung über Airbnb haben gut geklappt. Unser Vermieter Justin hat auch prompt per E-Mail reagiert. Seine Bitte vor der Reise, dass wir bei Rückfragen des Concierge angeben mögen, wir hätten geschäftlich miteinander zu tun, gab uns bereits einen kleinen Hinweis darauf, dass Justin seine Wohnung wahrscheinlich nicht untervermieten darf. Bei der Schlüsselübergabe – einen Block weiter mit einem professionellen „Türöffner“, der mindestens 20 Schlüssel an seinem Bund hatte und uns durch einen Hintereingang mit unseren Koffern in die Wohnung ließ – war die Sache dann offensichtlich. Die Reinigungskraft war noch in der Wohnung, sie sprach kein Wort Englisch. Und natürlich haben wir Justin auch in den folgenden Tagen nicht persönlich kennengelernt.

“Airbnb: private Unterkünfte durch die Hintertür – was ist daran digitale Innovation?“

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Digitale Innovation oder Grauzone?

Ist das wirkliche digitale Innovation, wenn eine ganze Schar von nicht sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen für Elementartätigkeiten wie Türen öffnen und Reinigung von 60 Quadratmetern entsteht? Ist das ein Preis- und Skalierungsvorteil digitaler innovativer Geschäftsmodelle gegenüber dem herkömmlichen Hotelgewerbe? Ich denke, das ist eher eine einseitige Benachteiligung der Hotelbranche und hat nichts mit dem Airbnb-Anspruch einer großen netten Familie zu tun, die sich weltweit gegenseitig die eigenen vier Wände zur Verfügung stellt.

Um das klar zu stellen: an der ursprünglichen Idee von Airbnb ist nichts auszusetzen, aber wenn man dann Silicon-Valley-mäßig unter diesen enormen Wachstumsdruck gerät, sodass man eben auch in die Graubereiche vordringt, dann ist klar, dass dies nicht die richtige Richtung ist und auch den Namen Sharing Economy nicht mehr verdient.

Apple Pay und kontaktloses Bezahlen: Fehlanzeige

Als digitales Spielkind habe ich schon seit Monaten einen französischen Apple Pay Account und kann hier in Deutschland sowohl mit dem Handy als auch mit der Apple Watch an 99 Prozent der Tankstellen, bei nahezu allen Supermärkten einschließlich der großen Discounter und auch sonst an vielen Stellen problemlos bezahlen. In London habe ich nahezu überall Hinweise auf die Bezahlmöglichkeit mit Apple Pay gesehen und das Bezahlen in Bäckereien und Kaffeeshops war dort problemlos möglich. Auch in Italien, Frankreich und Belgien habe ich Apple Pay bereits genutzt.

Anders in den USA: Auf x-fache Nachfrage wird Apple Pay faktisch nicht akzeptiert. Nur ein Getränkeautomat und einige wenige Händler waren Apple Pay-fähig. Und die noch schlimmere Erkenntnis: bei den Kreditkarten wurde der Magnetstreifen durchgezogen, weil das kontaktlose Bezahlen mit der Kreditkarte ebenfalls nirgends funktionierte. Die Bezahl-Infrastruktur im Nordosten der USA hinkt der europäischen Infrastruktur technologisch also mindestens fünf Jahre hinterher.

(Zudem fallen auf Zahlungen mit Apple Pay bei den aktuellen Providern 1,5% Auslandsgebühr an, was bei vielen seriösen Kreditkarten nicht der Fall ist.)

“Apple Pay oder kontaktloses Bezahlen in New York: Fehlanzeige! In Sachen Bezahl-Infrastruktur ist Europa technologisch deutlich weiter. “

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Restaurantsuche mit Google, Yelp und Co.

Bei der Auswahl eines Restaurants in einer fremden Umgebung ist die schnelle Einschätzung von anderen Rezensenten natürlich sehr hilfreich. Über Tripadvisor, Google, Yelp und Co. haben wir schon in vielen Ländern nette Restaurants gefunden und ein wenig gelernt, wie die Rezensionen zu lesen sind.

In New York habe ich in Chinatown und Koreatown eine komplett positive, nicht digitale Erfahrung gemacht: In diesen Vierteln reiht sich in manchen Straßen Restaurant an Restaurant, die alle nicht in Google und Co gelistet sind. Da kann man einfach nur hingehen, und ohne vorherige Reservierung versuchen, die Qualität der Speisen anhand der Länge der Schlange vor dem Restaurant zu beurteilen. Die Speisekarten sind nur teilweise in englischer Sprache verfasst, was den Eindruck des Abenteuerhaften noch verstärkt. Es war eine gute Erfahrung und unser Essen war großartig. Das hatte ich in einer digital ausgerichteten Metropole wie New York so nicht erwartet.

Uber: machtlos im Taxi

Zu Uber und unfairen Plattformen habe ich mich ja bereits in anderen Artikeln geäußert. Trotzdem fasziniert mich das Geschäftsmodell und natürlich haben wir Uber und Lyft während unserer Reise genutzt, wo es nur ging. Der Komfort ist gigantisch, die Transparenz des vorher kommunizierten Fahrtpreises vorbildlich.

Nach x Fahrten habe ich nun eine Erfahrung gemacht, die die Ohnmacht der Fahrer und der Fahrgäste deutlich aufzeigt. Einer unserer Fahrer hat im Nachhinein bei Uber einen Antrag auf Erhöhung des Fahrtpreises gestellt. Uber zog diesen Betrag daraufhin einfach von meiner Kreditkarte ab und schickte mir eine Info-Mail. Support nur per Email. Meine Argumente wurden einfach ignoriert. Absolute Ohnmacht.

Seitdem habe ich da ein deutlich schlechteres Gefühl und finde ein deutsches Impressum inklusive einer Telefonnummer und einem klareren Rechtsrahmen dann doch sehr erstrebenswert. Es kann ja nicht sein, dass eine Vertragsseite einseitig etwas ändern kann (auch wenn ich das bestimmt in den AGBs „unterschrieben“ habe).

Das Spiel von Angebot und Nachfrage

Ein anderes Erlebnis mit den Fahrdiensten hat mich noch weiter zum Nachdenken gebracht: Wir sind es gewohnt, für Hotels und Flugreisen saisonal andere Preise zu zahlen, die sich an der Auslastung orientieren. Das klassische Spiel von Angebot und Nachfrage eben. Dass Uber und Lyft diesen Ansatz auch für Taxidienste umsetzen, hatte ich schon gelesen; in der Praxis hat es mich aber doch kalt erwischt: Da kann es Freitagnachmittags dann schon einmal zu Aufschlägen von 150 Prozent kommen, also dem zweieinhalbfachen des eigentlichen Fahrpreises.

“Machtlos im Taxi: Uber und der Umgang mit Angebot und Nachfrage. Von fairer Plattform keine Spur.“

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Die Fahrer sehen diese Erhöhungen als kleinen Ausgleich für die Ohnmacht gegenüber den Giganten in der Firmenzentrale an, die ihnen ihre Lebensumstände und Preise diktieren. Den angesprochenen Fahrern ist bewusst, dass diese Aufschläge irgendwie ungerecht sind, aber sie selbst werden ja auch ungerecht behandelt.

Faire Plattformen nutzen allen Marktteilnehmern

Wir als Gesellschaft sollten überdenken, ob wir nicht von den Anbietern einen fairen Umgang mit beiden Seiten der Plattformteilnehmer (also hier Fahrer und Fahrgäste) fordern. Faire Plattformen stellen einen gerechten und nachvollziehbaren Ausgleich der Interessen aller Marktteilnehmer her.

Erst hat Uber die Taxifahrer mit niedrigen Fahrpreisen drangsaliert, damit wir Kunden anfangen Uber zu nutzen und jetzt, wenn wir daran gewöhnt sind, holen sie sich das Geld an anderer Stelle wieder. Ich bin inzwischen fest davon überzeugt, dass wir nicht alles einem freien Spiel der Märkte überlassen dürfen. Denn sonst entsteht ein Plattform-Kapitalismus der sich mit unserer Werteorientierung nicht vereinbaren lässt.

Sind die Menschen in den USA „digitaler“ als wir?

Und noch ein letzter Eindruck: Hier in Deutschland bin ich ja manchmal ein wenig entsetzt, dass ein Großteil der Menschen die Funktionen in einem Smartphone nur zu einem kleinen Bruchteil ausnutzen. Ich frage mich, warum sich so viele Menschen Geräte für mehr als 300 Euro kaufen, um dann nachher ein wenig Whatsapp zu nutzen und Fotos zu machen, die bis zum nächsten Geräteverlust lokal auf dem Gerät bleiben. Ohne Sicherung. Mein nicht repräsentativer Eindruck von den Menschen in den USA ist da derselbe.

Den digitalen Umgang verantwortungsvoll vorantreiben

Insgesamt denke ich, brauchen wir uns in Europa mit unserem Umgang mit digitalen Werkzeugen sowie unseren digitalen Infrastrukturen nicht zu verstecken. Mein Eindruck ist, dass die USA nicht einfach und per se weiter sind als wir. Klar gehen mir die Skepsis und die Vorbehalte meiner Mitmenschen in Deutschland und Europa an der einen oder anderen Stelle gegen den Strich. Aber ich denke, dass wir Digitalisten die Aufgabe haben, den verantwortungsvollen Umgang jeden Tag ein wenig weiter nach vorne zu bringen – privat und in unserem Beruf.

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