Wann gibt es endlich wirklich digitale Bücher?
Wann gibt es endlich wirklich digitale Bücher? - Foto: pixabay.com/Arcaion

Wann gibt es endlich wirklich digitale Bücher?

Oder: warum wir die digitale Transformation falsch angehen    

Die neuen Funktionen der aktuellen Kindle Version sind wirklich nett. Dank Pageflip kann man jetzt ein paar Seiten vor- und zurückblättern und landet dann mit einem Klick wieder an der Stelle, an der man gerade gelesen hat. Auch ein Mehrseitenüberblick zum schnellen Auffinden von Bildern in Büchern ist ein echter Mehrwert beim Lesen.

So langsam bekommen die eBooks ein paar Eigenschaften, die wir in den vergangenen 400 Jahren bei Büchern aus Papier schätzen gelernt haben –und die dem einen oder anderen den Umstieg in die digitale Welt bisher vergrätzt haben. Da fragt man sich doch, warum es mehr als 10 Jahre eBook Reader Entwicklung bedarf, bis die Softwareentwickler auf solche, doch eigentlich durch einfaches Nachdenken zu erschließende, Funktionen kommen.

Das digitale Bucherlebnis – eine Vision?

Richtig nett wird das Bucherlebnis in der digitalen Welt, wenn man neben dem eBook noch ein paar Euro mehr ausgibt und das Hörbuch gleich dazu kauft. Dann kann man wie von Zauberhand zwischen dem Hörbuch und dem eBook auf dem gleichen, oder auch verschiedenen Geräten hin und her springen. Wirklich cool, wenn man mal eben im Auto oder der Bahn weiterhören möchte. Das ist Jeff Bezos Vision, wie er uns die Serviceleistungen seines Hauses schmackhaft machen möchte.

Doch es stellt sich die Frage, warum man als Kunde die beiden Versionen (eBook und Hörbuch) getrennt erwerben muss und dann in Summe auch noch mehr bezahlen muss, als wenn man das Ursprungsprodukt, das „reale“ Buch kauft. (Denn das eBook kostet ja faktisch immer nur einen unverschämten Bruchteil weniger als das Papierbuch, obwohl es eigentlich nur einen Bruchteil des gedruckten Buches kosten dürfte). Dafür „können“ aber dann im ersten Schritt weder Amazon und die anderen eBook Anbieter etwas: „Schuld“ ist die Buchpreisbindung

“Warum erwirbt man mit dem Preis für ein Buch nicht zugleich das Recht, dieses als eBook zu lesen?“

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Buchpreisbindung – ein Relikt, das die Innovation des Buchmarkts behindert

Eine vor 80 Jahren gut gemeinte Regelung zum Schutz der Verbraucher hält hier den digitalen Fortschritt und die Nutzenerwartung der digitalen Buchkäufer auf. Allerdings ist Amazon mit seiner eigenen Hörbuchmarke Audible und dem Direkt-Publishing-Angebot den Wettbewerbern bereits um so viele Lichtjahre vorausgeeilt, dass eine einfache Aufhebung der Buchpreisbindung bestimmt auch kein reiner Fortschritt für eine zukünftige innovative und preisgerechte Entwicklung des Buchmarktes darstellen würde.

Bücher als Flatrate – und das schwierige Bezahlmodell für die Autoren

Und Kindle Unlimited als Buch Flatrate ist für eine Reihe von Benutzern schon eine echte Alternative gegenüber der Bezahlung pro Buch. Bezogen auf Fachpublikationen und das gesamte aktuelle Buchuniversum ist die Auswahl für den echten Buchliebhaber jedoch noch recht bescheiden. Interessant an diesem Modell ist, dass die Buchautoren nach gelesenen Seiten bezahlt werden. Wenn ich mir also ein Buch herunterlade so wie ich bei Spotify einen Song höre, dann bekommt der Autor nur etwas von meiner monatlichen Flatrate Gebühr ab, wenn ich auch wirklich möglichst viele Seiten in dem Buch lese.

Mal schauen, wann der Marktdruck von Amazon so groß sein wird, dass die Verlage einknicken werden und jeweils alle oder einen Großteil ihrer Titel auch über diesen Vertriebsweg anbieten. Ernstzunehmende Konkurrenz hat Amazon in diesem Bereich bislang nur von ein paar Startups. Kein anderer Anbieter hat damit auch nur annähernd ein so breites technologisches Spektrum aus Selfpublishing Plattform, „Pay per Read“ Modell und Hörbuchintegration wie Amazon.

Das echte digitale Buch – das könnte es bieten:

Und doch ist all das noch meilenweit entfernt von dem wahren digitalen Buch der Zukunft, wie man es schon heute technisch realisieren könnte:

  • Das Web besteht aus Hyperlinks. Auch in einem wirklich digitalen Buch könnte man ohne jegliches technische Problem auf den Verweis und den Ursprungstext zugreifen.
  • Der Content ist in unserer as a Service Welt an vielen Stellen schon umsonst. Wir sind bereit, zu bezahlen für den Service der Aufbereitung, der Verpackung und der genau richtigen Auslieferung. Und von der Servicegebühr wird nicht nur der Service-, sondern auch der Content-Produzent bezahlt. Diese Modelle werden sich immer weiter durchsetzen.

    “Lesen, Zugriff auf Verweise und Mitdiskutieren. Dazu faire Bezahlung für Content: das echte digitale Buch “

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  • Neue Visionen, Überzeugungen und Ansichten setzen sich aus bekannten Inhalten zusammen. In einer ganzheitlichen sozialen Welt muss es möglich sein, dieses neue Konstrukt über das Konzept der Verweise hinaus aus Teilinhalten von (benannten!) anderen Inhalten zusammen zu setzen. (So wie wir das in YouTube heute schon vielfach sehen. – Nein damit meine ich nicht die plumpen Copyright Verletzungen wo ganze Werke illegal veröffentlich werden.) Anmerkungen und Diskussionen dürfen nicht nur auf die Originale verlinken, sondern man muss diese sozialen Interaktionen auch über die Originale finden können. Ein erster Ansatz dazu ist SoBooks von Sascha Lobo.

Das größte Hindernis: unser Weltbild

All diese Dinge sind heute ohne weiteres technisch realisierbar. Das meiste davon passt einfach nicht in unser kapitalistisch maschinell geprägtes Weltbild. Vor allem das für uns alle absolut plausibel klingende Copyright entspringt klar einem hierarchisch geprägten Weltbild, in dem der eigene Wissensvorsprung durch aktive Informations-Asymmetrien gefördert und ausgebaut wird.

Und Amazon steht heute ganz klar für das hierarchisch kapitalistische System: erst im vergangenen Jahr wurde das Amazon DRM System komplett ausgetauscht und runderneuert.

“Für ein wirklich digitales Buch brauchen wir keine neuen Technologien, sondern neues Verständnis von Digitalisierung“

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Warum wir ein neues Verständnis von Digitalisierung brauchen

Für ein wirklich digitales Buch brauchen wir keine neuen Technologien, sondern vor allem ein neues Verständnis von Digitalisierung und damit von digitaler Transformation. Digitale Transformation bedeutet Dinge miteinander und mit Technologie zu verbinden, die wir in früheren Zeiten durch Arbeitsteilung, Effizienzwahn und Hierarchien voneinander getrennt haben.

Für echte digitale Transformation müssen wir uns auch auf neue ganzheitliche Gesellschaftsmodelle einlassen, oder diesen Gedanken zumindest in kleinen Schritten immer ein wenig mehr Raum geben. Die meisten von uns gehen bei digitaler Transformation vor allem von der schrittweisen technologischen Entwicklung aus. Es wird Zeit, dass wir uns für eine echte digitale Transformation auch auf eine schrittweise gesellschaftliche Veränderung hin zu neuen ganzheitlichen Konzepten einlassen.

Vielleicht erleben wir dann ja doch in absehbarer Zeit das wirklich digitale und vernetzte Buch.

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