Warum Bitcoin unsere Sinne vernebelt

Warum Bitcoin unsere Sinne vernebelt (Bild: André François McKenzie/unsplash.com)
Warum Bitcoin unsere Sinne vernebelt (Bild: André François McKenzie/unsplash.com)

Während die meisten Menschen noch darüber diskutieren, ob Bitcoin nochmal verschwinden oder für immer bleiben wird, haben zahlreiche Menschen inzwischen in irgendeiner Form in Bitcoin investiert und damit für diesen exorbitanten Kuranstieg gesorgt. Und einige wenige dieser Anleger sind bereits wieder ausgestiegen aus der Kryptowährung und haben ihre Gewinne realisiert.

Die Geburtsstunde des Hypes

Doch was macht eigentlich die Anziehungskraft aus, die dafür sorgt, dass aus dem technologischen Konzept einer digitalen Währung ein weltweiter Hype wird?

LOOP1: Zum einen sicherlich unsere Angst als Menschen etwas zu verpassen: Die Sorge, einen Trend verpasst zu haben, nicht dabei zu sein, es nicht kapiert zu haben, was da geniales Neues geschaffen wurde. Und jeden Tag werden Zweifler zu Anhängern: Bank-Manager, Professoren, Wirtschaftsbosse – keiner will der letzte sein, der es immer noch nicht kapiert hat, dass es da eine Revolution gibt.

So läuft das auch bei anderen Technologie Hypes ab, wenn wir zurückdenken an den Walkman, Mobiltelefone, dann das iPhone. Also eine ganz normale Entwicklung. – Wäre da nicht noch die Sache mit der Ideologie. Denn Bitcoin und Blockchain sind eben nicht nur eine Technologie, sondern auch eine Ideologie.

LOOP2: Dezentrales Geld. Nicht vom Staat und der Zentralbank kontrolliert. Freiheit. Über Ländergrenzen hinweg bewegbar ohne Probleme. Anonymität.

Dieser Ansatz ist eine Befreiung für unsere von Überwachung geschundene Seele. Wir werden von übermächtigen Internetgiganten ausgespäht und vorausberechnet. Unsere eigenen Staaten mischen sich in alles ein, damit sie uns vor dem Terror schützen können. Und dann noch der Kapitalismus, der uns versklavt und uns zum Konsum zwingt. Zentralbanken, die unser mühsam Erspartes über die Inflation dahinraffen. Da ist es klar, dass wir nach neuen Freiräumen suchen, in denen wir unbeobachtet sind. Wo wir der Kontrolle von Google, der NSA, der Zentralbank und des Kapitalismus entgehen können.

Ok, im Alltag haben wir noch nichts Konkretes von dieser Freiheit. Nur an sehr wenigen Stellen kann man offiziell mit digitalen Währungen bezahlen. Und beim Finanzsamt muss man die Gewinne aus Spekulationen angeben, wenn man aus Bitcoin wieder Fiatgeld macht. Außer Bitcoins zu horten, gibt es aktuell ziemlich wenige Anwendungsfälle.

Aber: Man kann damit so schnell reich werden. Das ist die dritte Facette. Bitcoin ist eine coole Technologie, die wir nicht verpassen dürfen. Bitcoin ist gut für unsere Freiheit und wenn man darin investiert, wird man quasi automatisch reich. 

Das gab es doch schon ´mal

Alle paar Jahre brauchen wir Menschen eine kleine Revolution und Gegenbewegung. In den 1960ern und 1970ern waren es die Hippies, die sich gegen Konsum, den Vietnamkrieg und die einengenden Moralvorstellungen aufgelehnt haben. Daraus haben sich dann in den 1980ern und 1990ern die Umweltbewegung und die Abkehr von zentralen Strukturen in Familie und Wirtschaft entwickelt.

Und alle paar Jahre ermöglicht es auch eine neue Technologie, dass wir uns ein wenig freier fühlen. Individuelle Mobilität mit dem Automobil ist eine Mega-Bewegung, die beginnend in den 1950er Jahren für mehr als 40 Jahre zu einem Boom von Straßen-Infrastruktur, Urbanisierung und weltweit operierenden Automobil-Konzernen geführt hat. Über die Pioniere und visionäre Entwicklungen wie Tucker Torpedo und Isetta sprechen wir heute jedoch nicht mehr.

Das Internet als Hype

Und dann kamen die 1990er Jahre. Das Internet. Entwickelt von ein paar Nerds, ein paar Universitäten und dem paranoiden Militär. 

Und jetzt springen wir mal zurück im Text zu den beiden Bitcoin Absätzen oben und ersetzen den Begriff Bitcoin durch Internet:

LOOP2: Eine dezentrale Netzinfrastruktur. Nicht angreifbar. Absolut redundant, frei, nicht von einem Feind vernichtbar. Kurz: DIE Freiheits-Story.

Dann LOOP1: Keiner will den Technologie-Trend verpassen. Immer mehr Menschen springen auf.

Und wir rufen uns die unfassbar vielen Startups Ende der 1990er Jahre ins Gedächtnis, die alle beim Internet-Trend mitmischen und absahnen wollten. Natürlich kennen wir heute noch ein paar der Gewinner aus dieser Zeit: Amazon, eBay und Yahoo – aber 99 Prozent der Unternehmen kennen wir nicht mehr und können uns kaum an sie erinnern: Compuserve, Altavista, Winamp oder in Deutschland Biodata, Kim Dotcom oder auch das 2003 gehypte “Second-Life”.

Jetzt wird es kompliziert

Wir haben aktuell zwei unabhängige Phänomene: Eine sich abzeichnende Bewertungsblase am Aktien- und Immobilienmarkt durch eine massive Geldschwemme aufgrund der niedrigen Zinsen und Geldflutungen nach 2007 und während der Corona-Krise.

Und parallel dazu einen klassischen Technologie-, Ideologie- und Bewertungs-Hype rund um Bitcoin und die Blockchain.

Ein Blick in die Zukunft von Bitcoin und Blockchain

Das Internet ist immer noch da und wird bleiben. Aber die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit durch eine neue Technologie ist enttäuscht worden. Das Internet untersteht längst der Kontrolle der großen Wirtschaftsunternehmen und der Staaten. Im Gegenteil, das Internet hat uns neben neuen positiven Möglichkeiten auch neue Formen der Unfreiheit gebracht, die wir vorher nicht erahnen konnten. Die in der Dotcom-Blase zerronnenen Träume haben sich über viele Jahre hinweg nun zu validen digitalen Geschäftsmodellen entwickelt. Von den Visionären und Pionieren am Anfang haben es nur wenige geschafft zu überleben.

Daher braucht man kein Prophet zu sein, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass es mit Bitcoin und der Blockchain genauso enden wird. Die Technologie wird bleiben, denn dezentrale synchrone Systeme decken einen Bedarf und haben damit einen Markt.

Aber unsere Hoffnung auf Freiheit und Unabhängigkeit von Staat, Zentralbanken und Establishment werden wieder enttäuscht werden. Und es ist letztlich gut für uns Menschen, wenn Staaten als Träger des Koordinations- und Ordnungsprinzips für große Gemeinschaften die Oberhand erlangen können.

Auch mit dem Bitcoin-Hype wird es ein paar Pionieren gelingen, große Imperien aufzubauen. Aber die meisten werden es eben nicht schaffen.

Und klar ist auch, dass diese Ernüchterung die Kurse irgendwann einbrechen lassen wird. Bis dahin ist der Bitcoin faktisch ein Schneeballsystem. Und das liegt nicht daran, dass es technisch unsolide ist oder es von einem Betrüger mit dieser Absicht erschaffen wurde. Der Grund ist, dass wir Menschen es mit unserer Gier und Irrationalität dazu machen.

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