Warum die Zukunft des Handwerks in der digitalen Welt liegt
Warum die Zukunft des Handwerks in der digitalen Welt liegt - Foto: pixabay.com/Blickpixel

Warum die Zukunft des Handwerks in der digitalen Welt liegt

Mehr Service mit as a Service  

Die meisten Handwerker betrachten die zunehmende Digitalisierung und Nutzung des Internets eher skeptisch und misstrauisch denn als Chance. Angesichts der überwiegend schlechten Erfahrungen, die Handwerker in den vergangenen Jahren mit den neuen Möglichkeiten der Internetwelt gemacht haben, ist das wenig verwunderlich:

  • Es entsteht Preistransparenz bei Materialen, die Handwerker früher mit Marge an Endverbraucher zusammen mit ihren handwerklichen Leistungen berechnen konnten.
  • Die Arbeits-Qualität wird öffentlich aber meist anonym bewertet. Ohne etablierte Bewertungsportale bahnen sich dabei aber vor allem Berichte über schlechte Leistungen ihren Weg in Foren und andere Formate.
  • Die Auffindbarkeit von Spezialisten und der Vergleich von Detail-Leistungen sind in Zeiten von Suchmaschinen einfacher denn je. Handwerkliche Generalisten haben dadurch das Nachsehen.

Nur wenige Handwerker haben ihren persönlichen Ärger über die dank Google gut informierten Verbraucher in ein neues Geschäftsmodell umgewandelt. Einer von ihnen ist Bernd Reuter, der im Jahr 2004 das Internet noch verflucht hatte. Heute bringt  er über ein ganzes Imperium von Onlineshops Artikel aus den Bereichen Bäder, Küchen oder auch Heizungsanlagen, die früher nur über Handwerker zu beziehen waren, direkt an die Frau und den Mann. Und: Er hat dabei Wege gefunden, wie er auch heute noch partnerschaftlich mit seinen Ex-Kollegen zusammenarbeiten kann.

Die große Mehrheit der Handwerker hat (noch) keine Idee, wie sie als einzelne – oder auch im Verband – die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung in breiter Form für sich nutzen können. Und die meist selbst ernannten Experten, die vor allem auf den Wellen Werbung (Ad Words) und Social Media reiten, verwirren oft mehr als sie nützen. Denn mit etwas Werbung und Bekanntheit ändert man nichts am disruptiven und zerstörerischen Grundproblem: Zukünftig werden wir Verbraucher serviceorientierte Spezialisten wenig kundenorientierten Allroundern vorziehen.

Die as a Service Welt

Diese Entwicklung betrifft aber nicht nur das Handwerk; auch andere reine Hersteller werden wir als Konsumenten nicht mehr brauchen: Warum sollen wir uns in Zukunft für teures Geld ein Auto kaufen, es versichern, ständig Parkplätze suchen und das wirtschaftliche Risiko für Wartungen als Verbraucher tragen, wenn es doch Service Anbieter für Mobilität gibt, die all diese Leistungen effizienter bündeln können als wir es mit einem einzelnen Auto als Verbraucher jemals könnten? Für individuelle Stadt-Mobilität gibt es mit Car2go und DriveNow in vielen Städten schon entsprechende Serviceanbieter. Für andere Mobilitätsformen wie Pendler oder Corporate Mobilität müssen sich die Märkte und Anbieter noch formen.

Und genauso ist es im Handwerk.

Handwerk braucht ein neues Verständnis von Service und Nutzen

Noch ist den Handwerkern nicht klar, welchen Nutzen in welchen Servicemodellen sie ihren heutigen Kunden denn eigentlich bringen. Und diese Fokussierung auf den Nutzen ist erforderlich, damit man sich in einer gut vernetzten Welt behaupten kann. Es reicht nicht mehr, sein Handwerk zu verstehen und einen Auftrag handwerklich sauber abzuarbeiten. Auch die reine Verbesserung von heutigen Schwachstellen bei Handwerkern wie Termintreue oder Beratungsqualität reicht nicht aus.

Das alte Modell, aus ein wenig Material und der eigentlichen handwerklichen Leistung geradezu branchenunabhängig (Elektriker, Installateur, Schreiner usw.) ein immer gleiches Geschäftsmodell nur mit unterschiedlichen Fertigkeiten zu benutzen, wird in Zukunft nicht mehr reichen.

Die eigentliche Herausforderung der Branche ist das Auffinden neuer Serviceketten, auf denen sich wieder tragfähige Geschäftsmodelle aufbauen lassen. Ja die digitale Transformation des Handwerks ist schwierig, weil es sich um einen fragmentierten Markt mit enorm vielen, zum Teil sehr kleinen, Unternehmen, handelt. Eine Standardisierung von Schnittstellen wird eine bessere Skalierung ermöglichen. Und genau zu diesen Herausforderungen haben sich schon einige auf den Weg gemacht:

Der Großhandel als Aggregator für eine Zunft

Für den Service „Spezialist finden, handwerkliches Problem schnell und zuverlässig lösen“ gibt es für uns Kunden vielfältige Einsatzbereiche: die Toilettenspülung macht nicht mehr, was sie soll, oder die Haustüre schließt plötzlich nicht richtig. Da ist vor allem Termintreue und Zuverlässigkeit notwendig. Das sind heute nicht unbedingt die Stärken eines Multifunktionshandwerkers, der neben diesen Aufgaben auch noch im Projektgeschäft hängt und eine ganze Baustelle versorgen muss.

Wieso kann an diesem Punkt nicht ein Branchen-Großhändler die Auftragsannahme, die Identifikation des zu reparierenden Bauteils per Video Chat und die zuverlässige Disposition an einen freien Handwerker übernehmen?

Genau diese Gedanken macht sich Kerstin Steffens, Geschäftsführerin von Biron & Jansen. Sie will für ihre Handwerker nicht mehr nur das Know-how für Ausschreibungen, sondern in Zukunft auch die Lagerlogistik liefern.

Modelle wie dieses bieten Chancen für eine Neu-Positionierung mit effizienten digitalen Prozessen für die Zukunft. Skeptiker werden darin vor allem Gefahren sehen.

“Handwerk braucht ein neues Verständnis von Service und Nutzen #Digitalisierung als Chance“

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Elektriker als Integrator für Heimautomatisierung

Mit den Möglichkeiten der Heimautomatisierung wird es nicht entscheidend weiter gehen, solange wir in Gewerken denken und jede Zunft in ihren tradierten Bereichen gefangen ist. Heimautomatisierung bedeutet Integration von Gewerken. Solange keine Zunft den Lead übernimmt, wird sich der Markt nur schwerlich entwickeln. Es sei denn, die Disruptoren aus dem Silicon Valley finden den Schlüssel, wie sie den Verbrauchern ganz ohne die Hilfe von Handwerkern endlich die ersehnte Integrationsleistung liefern.

Vielleicht erbarmt sich ja eine Zunft, mal etwas über den Tellerrand hinauszuschauen und über genormte Schnittstellen endlich integrierte Leistungen als Service für den Verbraucher anzubieten.

Es geht um das Ermöglichen und nicht das Verhindern

Den weitreichendsten Ansatz für die Vernetzung einer ganzen Branche verfolgt ein Startup aus Aachen im Bereich der Energie-Optimierung: modEnerco hat eine Software entwickelt, mit der Handwerker und Endverbraucher die komplette Optimierung der Heizungsanlage nicht nur im Vergleich der verschiedenen Heizmethoden vornehmen können. Sie erhalten auch gleich die komplette Auslegung der Anlage sowie ein Finanzierungskonzept. Die Software ersetzt damit den Planer und den Bankberater, aber eben nicht den Handwerker.

Jetzt müsste es nur noch Handwerker geben, die diese Chance auch ergreifen. Doch davon finden sich weniger als gedacht und die Rückmeldungen sind recht ernüchternd. Es überwiegen Handwerker, die sich in der Einwandbehandlung üben, anstatt sich mit anderen zusammen zu raufen und die Vermarktung effizienter Heizlösungen gemeinsam anzugehen. Die Angst vor der Transparenz und damit der Bewertung der eigenen Leistung sowie die Skepsis gegenüber innovativen Lösungen sind oftmals stärker als die Chance auf eine langfristige Kundenbindung durch einen zufriedenen Kunden.

Dabei könnten die Handwerker, die diese Chance ergreifen, einen ganzen Markt aufrollen, indem sie den Endverbrauchern einen einfachen Zugang zu einer kompletten Servicekette aus Planung, Finanzierung, Umsetzung und Betrieb einer wirtschaftlichen und ökologisch sinnvollen Energieversorgungsalternative liefern.

Denn genau so könnte Digitalisierung von Handwerk gelingen:

  • Die saubere fachliche und handwerkliche Durchführung von Tätigkeiten ist das Kerngeschäft.
  • Damit dieses gestärkt werden kann, ohne unter unnötigen Margendruck zu kommen, müssen die Schnittstellen zu anderen Leistungen standardisiert und der Nutzen für den Verbraucher in den Mittelpunkt gestellt werden.

Machen wir uns auf die Suche nach den vielen neuen Möglichkeiten der as a Service Welt – auch im Handwerk!
(Dieser Artikel erschien zuerst in der Aachener Zeitung vom 29.06.2016)

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