Warum Digital Detox das falsche Mantra für unsere Überfluss-Gesellschaft ist
Warum Digital Detox das falsche Mantra für unsere Überfluss-Gesellschaft ist (Bild: l_cwojdzinski /pixabay.com)

Warum Digital Detox das falsche Mantra für unsere Überfluss-Gesellschaft ist

Gerade jetzt zur Urlaubszeit fühlen sich viele Menschen und Ratgeber berufen, uns von ihren tollen Erfahrungen mit Digital Detox zu berichten. Sie schildern, wie gut es sich anfühlt, eine Woche ohne Smartphone oder gar einen ganzen Urlaub ohne Verbindung zur digitalen Welt zu verbringen – oder das Smartphone gleich ganz abzuschaffen, und so endlich erlöst zu werden von der digitalen Kontamination unseres Lebens.

Doch diese Art von digitalem Detox geht genauso am Kern vorbei wie Diäten in puncto Abnehmen. Solche Aktionen können in der Regel nur kurzfristige Linderung bringen, aber keine nachhaltige Lösung für ein erfüllteres Leben sein.

Zur Verdeutlichung dieser These ein kleiner Ausflug in unsere Welt des Überflusses:

Musik

Wer früher selbstbestimmt Musik hören wollte, konnte dies nur durch den Kauf von Schallplatten und CDs tun, oder indem er die gewünschte Musik selbst auf Cassette aufnahm. Heute können wir die gewünschte Musik an jedem Ort des Planeten aus 40 Millionen Songs selbst auswählen. Die digitale as a Service Welt ermöglicht uns für einen geringeren Betrag pro Monat als den Preis einer Langspielplatte den Zugriff auf nahezu alle Musik unserer Welt.

In dieser musikalischen Überfluss-Welt müssen wir selbst Entscheidungen fällen, was wir wann und wo und mit wem hören wollen; oder wir überlassen diese Entscheidung den Vorschlägen des Anbieters und verlieren die gerade gewonnene Autonomie ebenso schnell wieder.

Das gleiche gilt heute für das Anschauen von Filmen oder Serien (Netflix, Amazon Video), oder das Lesen von Zeitschriften (Readly, Apple, Amazon Prime)

Es liegt als an uns, ob wir die durch digitale Technik gewonnenen Spielräume als Erweiterung unserer selbstbestimmten Möglichkeiten einsetzen, oder den Vorschlägen von Algorithmen folgen und damit unsere Selbständigkeit freiwillig aufgeben.

Essen

Auch in der nicht digitalen Welt leben wir hier in der westlichen Hemisphäre in einer Überfluss-Gesellschaft. Das zeigt sich nicht nur daran, dass wir mit Kohlehydraten, Zucker und Fetten in Form von Chips, Snacks, Erfrischungsgetränken oder To Go-Darreichungen völlig überversorgt sind. In Büros, Lounges, Besprechungszimmern, auf Kongressen oder Seminaren müssen wir der Versorgung mit Lebensmitteln aktiv entsagen, damit unser Kalorienversorgung nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Und wer nicht „Nein“ sagen kann, nimmt zu.

Selbst unsere Tricks der Spezialisierung durch Entfernung vom Mainstream durch Ernährungsformen wie Gluten-frei, vegetarisch, koscher oder vegan funktionieren nicht mehr: denn die Versorgung dieser Essens-Minderheiten mit einem Überangebot an Speisen ist inzwischen nahezu genauso lückenfrei wie die LTE-Abdeckung in Europa.

Der Kampf um unsere Aufmerksamkeit – Kennzeichen unserer Überfluss-Welt

Nicht nur in der digitalen Welt, sondern auch beim Essen, Shoppen oder in der Freizeit geht es heute im Kern um die Steuerung unserer Aufmerksamkeit. Überfluss und die verschiedenen Überangebote stehen in Konkurrenz miteinander, weil sie alle um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Daher müssen wir als Individuum aktiv steuern, wem wir unsere Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen.

Essen ist damit in unserer Überfluss-Welt kein lebensnotwendiger Akt mehr, sondern steht als Erlebnis in Konkurrenz zu Freizeit oder Shoppen.

In der digitalen Welt ist die selbstbestimmte aktive Steuerung der Aufmerksamkeit besonders schwierig: What´sApp, E-Mail, Social Media und all die ganzen App-Nachrichten buhlen und betteln mit ihrem Geplinge nicht einfach nur um unsere Aufmerksamkeit. Viel mehr können Spiele und Social Media aktiv unsere Impulskontrolle manipulieren und außer Kraft setzen.

Drei Wochen Digital Detox sind damit genauso hilfreich wie drei Wochen nichts mehr zu essen. Es kann helfen sich zu besinnen, aber es löst nicht das grundlegende Problem der Selbstbestimmung durch Aufmerksamkeits-Steuerung.

Viel wichtiger als Digital Detox: Autonomes Entscheiden

Für unsere Überfluss-Gesellschaft benötigen wir Menschen neben der Bildung weiteres Rüstzeug zum Überleben: Jeder einzelne von uns muss herausfinden, wie er seine Aufmerksamkeit aktiv steuern und eigenständig bewusst einsetzen kann. Nur wer dafür Rezepte, Methoden und Routinen findet, wird sich in unserer digitalen und nicht digitalen Überfluss-Gesellschaft zurechtfinden und letztlich erfolgreich überleben können.

Dabei kann erfolgreiches Überleben in einer Überfluss-Gesellschaft ja per Definition nicht mehr ein rein körperliches Überleben sein. Der Maßstab für ein Überleben in einer Überfluss-Gesellschaft muss es sein, jedem Individuum ein wahrhaft selbstbestimmtes Leben mit einer möglichst großen Anzahl autonomer Entscheidungen zu ermöglichen. Und dieses Ziel kann nur erreichen, wer seine Aufmerksamkeit und Impulskontrolle selber aktiv steuern kann.

Meditation und die damit verbundenen Übungen können einer von vielen Wegen zu diesem Ziel sein. Aber es geht sicherlich nicht einfach um eine Flucht in eine verlangsamte Welt.

Aufmerksamkeit bewusst Verschenken

Es geht um die Frage: Wohin lenke ich als Individuum meine Aufmerksamkeit. Das ist eine aktive Selektion und kein passives Wehren, indem ich einen Kanal ausschalte.

Digital Detox, also der zeitweise Verzicht auf alle digitalen Kanäle kann damit sicherlich ein sinnvoller Schritt sein, für alle die nicht mehr loslassen können und zu tief in die digitalen Aufmerksamkeit-Ströme hineingerissen worden sind. Aber es ist eben nur ein erster Schritt zu einer digitalen Selbstbestimmung.

Ein wichtiger Teil der Antwort ist sicherlich Achtsamkeit. Nicht nur gegenüber sich selbst, sondern auch gegenüber anderen. Achtsamkeit ist Aufmerksamkeit gegenüber einem anderen Individuum.

Wir sollten also nicht nur lernen, unsere eigene Aufmerksamkeit auf die für uns wirklich wichtigen Dinge zu lenken, sondern sollten auch verstärkt darauf achten mit welchen Menschen und Beziehungen wir unsere Aufmerksamkeit bewusst teilen.

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