Warum echte digitale Gesundheitsversorgung nur als Infrastruktur-Markt gelingen kann

Warum echte digitale Gesundheitsversorgung nur als Infrastruktur-Markt gelingen kann (Bild: Austrian National Library/unsplash.com)
Warum echte digitale Gesundheitsversorgung nur als Infrastruktur-Markt gelingen kann (Bild: Austrian National Library/unsplash.com)

Es wird viel gemutmaßt, ob Unternehmen wie Apple oder Amazon die neuen Mega-Player im Gesundheitswesen werden. Oder etwas handfester: wie könnte eine elektronische Patientenakte konkret aussehen und genutzt werden? Beide Aspekte sind jedoch irrelevant, wenn man verstehen will, in welche Richtung und wie genau sich die Digitalisierung unserer Gesundheitsversorgung in den nächsten 10 Jahren entwickeln wird.

Beim Stichwort Digitalisierung im Gesundheitswesen reden wir aktuell – insbesondere in Deutschland – vor allem über den Aspekt Datenschutz. Doch das ist nur eine vorgeschobene Debatte. Denn in Wirklichkeit geht es darum, wem die anfallenden Daten gehören. 

Das liegt auch an unserem Versicherungskonzept. Denn in der normalen Wirtschaftslogik gehören dem Auftraggeber (Rechnungs-Empfänger) die Daten, oder er kann zumindest darüber verfügen. Im deutschen Gesundheitssystem sind das die Krankenkassen. Und genau die haben ja auch ein Interesse daran, durch Gesundheitsprogramme und Daten-Aggregation über Versicherte hinweg die Effizienz zu steigern und damit die Kosten zu senken. 

Aber auch bei den Leistungs-Erbringern lohnt sich eine genauere Betrachtung. Denn heute muss jede verarbeitende Stelle – egal ob es sich dabei um eine Röntgenaufnahme, Spezialisten-Befund oder Behandlung mit Therapie handelt – alle Daten separat aufbewahren, um gegenüber Auftraggeber und Patient Nachweise zur Leistungserbringung führen zu können.

Gesundheit ist im falschen System gefangen

Diese Herausforderung kann in einer Welt, in der die derzeitigen Abläufe einfach nur digital abgebildet werden, nicht gelöst werden. Begriffe wie Patientenakte und Behandlung sind vor allem juristisch (Haftung) und wirtschaftlich (Auftragsverhältnis, Leistungserbringung, Anfang und Ende) definiert und nicht entsprechend ihres Nutzens: Ein Patient wünscht sich kein Röntgenbild, sondern die Linderung von Schmerz, die Wiederherstellung von Geh-Fähigkeit oder das Wiedererlangen gesellschaftlicher Teilhabe.

Alle technologischen Konzepte und Unternehmen, die weiterhin in den tradierten Konzepten denken, werden in der Gesundheit-Ökonomie von morgen keinen Platz mehr haben!

Was ist heute technologisch machbar? Klar gibt es Künstliche Intelligenz (KI). Aber ohne Datenpools kann KI keine Wirkung entfalten. Damit ist man beim Thema KI in der Medizin heute sehr schnell wieder in den bekannten Strukturen gefangen. Viel wichtiger für echten Fortschritt sind die Aspekte Interoperabilität und API-basierte Vernetzung. Mit Service-orientierten Strukturen und Diensten müssen die Daten nicht mehr zig-fach redundant gespeichert werden. Wenn der Prozess und die Funktion zu den Daten kommen, liegt der Fokus nicht länger auf dem Besitz der Daten. Das ist genau das Mantra des Cloud Computing: Dezentrale und API-basierte Verarbeitung von Daten. Aber natürlich sorgt schon der Begriff des Cloud-Computing für eine Kollision mit den vorherrschenden Vorurteilen.

Brauchen wir überhaupt noch Medizin für unsere Gesundheit?

Die Vermeidung von Redundanz muss dazu führen, dass die Daten dem Patienten gehören. Auch die Rohdaten von Modalitäten. Bevor wir uns in einer Diskussion zu dieser heute unvorstellbaren Logik wiederfinden (Auftragsverhältnis, Versicherung, Datenschutz), lohnt sich aber ein Blick in eine neue Richtung: Welche Relevanz werden Daten, die bei Ärzten und in Krankenhäusern erfasst werden, in Zukunft überhaupt noch haben?

Die Frage ist viel bedeutsamer und ketzerischer als sie klingt. Denn die eigentliche Frage ist, warum wir unsere persönliche Gesundheit so nah an das wissenschaftliche Gebäude der Medizin gebaut haben. 

Wenn wir andere Bereiche unseres Lebens betrachten, wird deutlich: unsere Mobilität, unser Wohnen oder auch unsere Unterhaltung (alles riesengroße persönliche Bedürfnisse und ebenso große Märkte) haben nichts mit Wissenschaft zu tun. Wie steigen nicht erst in ein Auto ein, nachdem uns ein Akademiker dafür eine Empfehlung oder Freigabe gegeben hat.

Die Nähe der Medizin zum Gesundheitswesen fordert wissenschaftliche Präzision. Die hochgenaue Erfassung von Messdaten mit Medizinprodukten. Egal ob Laborwerte oder Sehschärfe. Wir richten alles auf die hochgenaue Erfassung einzelner Messwerte in einer einzelnen mikro-wissenschaftlichen Disziplin aus – egal ob HNO, innere Medizin oder Dermatologie. Genau das haben wir in der Wissenschaft der letzten 300 Jahre gelernt und damit das Gesundheitswesen infiltriert.

Echte Gesundheitsversorgung funktioniert nur mit Integration von dezentralen Diensten

Dabei könnten wir heute schon mit banaleren Daten, die wir über unser Smartphone und einfache Sensoren relativ ungenau erfassen, viel präzisiere Antworten auf sehr viele gesundheitliche Fragestellungen geben. Natürlich sind wir auch als Konsumenten selbst schuld, wenn wir Ärzte so betrachten wie Mechaniker: Egal wie rüpelhaft wir mit unserer Maschine bzw. unserem Körper umgegangen sind, der Mechaniker soll die defekten Teile bitte austauschen, oder uns dafür eine Medizin verschreiben. Ganzheitliche Gesundheitswahrnehmung sieht sowohl für uns persönlich, aber auch aus Sicht des Systems, anders aus.

Interoperable Dienste, verteilte Daten, vernetzte Prozesse und skalierende Systeme – genau das ist die dezentrale Cloudlogik der IT. Und eben diese Architektur und diese Funktionen benötigen wir für die Versorgung von Individuen und Gemeinschaften mit Gesundheitsleistungen.

Die Videokamera in unserem iPad oder PC erfasst jeden Tag in den Konferenzen viele wichtige Parameter, sieht unsere Augen und deren Bewegungen. Unser Smartphone kennt Schlafzyklen, Essgewohnheiten und Bewegungsdaten. Mit all den Sensoren, die ohnehin schon vorhanden sind, müssen wir arbeiten. Die relativen Aussagen und kleinen Veränderungen sind für einen Arzt sehr viel aussagekräftiger als der eine in einer medizinischen Einrichtung teuer gewonnene Messwert mit einem zertifizieren Gerät. 

Und ja: natürlich kann man das Problem lösen, dass die Daten unserer Kamera nicht erst zu einem Anbieter hochgeladen werden und wir uns zu Recht Sorgen um unsere Selbstbestimmung machen müssen.

Es ist eben eine neue Art von Medizin: Eine die nicht mehr auf wenigen Einzel-Messdaten basiert, sondern eine neue Herangehensweise, die die vielen kleinen Datenschnipsel mit einbezieht, die wir jeden Tag nebenbei erzeugen.

Da nützt auch kein Versuch, etwa einen digitalen Impfpass auf Basis von Blockchain-Technologie einzuführen. Jede Einzelaktion wird scheitern. Wir benötigen einen ganzheitlichen Neustart des Systems.

Der Shift von Aggregatoren und Marktplätzen zu Infrastruktur-Märkten

In den letzten 20 Jahren haben wir in der Welt der Markplätze und Aggregatoren gelebt. Im Internet kann es immer nur einen Markführer pro Gebiet geben. The winner takes it all. So ist die Logik der letzten 20 Jahre. Eben weil das neue Digitale Modell sich gegen den Status Quo durchsetzen musste. Eben weil wir nach Netzwerk-Effekten gesucht haben und unsere digitalen Geschäftsmodelle daran orientiert haben.

Mit dieser Maxime kämpen AirBnb, Spotify, Uber und Netflix um die Weltherrschaft. Wer den Zugang zum Enduser als Aggregator besetzt, hat gewonnen und ist wertvoller als andere Unternehmen.

Aber all diese Plattform Geschäftsmodelle sind nur deshalb bis heute so erfolgreich, weil die Märkte dahinter so schrecklich ineffizient sind. Nur deshalb zahlt es sich aus, als erster und Monopolist die Kommunikation zum Benutzer zu besetzen.

In einer Welt der perfekt digital miteinander verbundenen dezentralen Dienste für Mobilität, Wohnen oder Gesundheit wird der Zugang zum Kunden wieder weniger wichtig. Das Betreiben und Vernetzen der Dienstleister als Infrastruktur dahinter, also die Orchestrierung aller Services, wird zur wertvollsten Leistung.

Diesen Shift werden wir in den nächsten Jahren in vielen Märkten sehen. Paket-Logistik ist bald so tief in Gesamtprozesse integrierbar, dass wir sie nicht mehr als separate Dienstleistung wahrnehmen und konsumieren werden. E-Commerce wird keine separate Gattung mehr sein. Es geht um ein Kauferlebnis mit der Möglichkeit zum Anfassen und Ausprobieren und der Bereitstellung der Waren am Ort des Konsums. Da verschwindet Paketlogistik genauso wie E-Commerce.

Das gleiche werden wir bei Urlaubsreisen sehen: Denn was hat ein Flug oder ein Transfer oder überhaupt die verschiedenen Verkehrsmittel mit dem Reiseerlebnis zu tun?

Verändert sich das Gesundheitssystem als erstes in einen Infrastruktur-Markt?

Die Ambitionen waren von weltweiter Bedeutung als Amazon, Berkshire Heathaway und JP Morgan vor drei Jahren Haven Healthcare gegründet haben, um mit ihrer gemeinsamen Marktmacht und ihrem Knowhow das Gesundheitssystem erstmal für ihre über 1 Million Angestellten zu revolutionieren.

Und sie sind stecken geblieben, denn das Gesundheitssystem-Spiel lässt sich wegen seiner Komplexität definitiv nicht über die Markseite entern. 

Und so haben die drei Player Anfang des Jahres aufgegeben. Es kommt selten vor, dass sich diese geballte Intelligenz etwas vornimmt, was nicht gelingt.

Apple macht Zug um Zug. Fährt eine „wir sind privat“ Strategie, legt sich zur Differenzierung mit Facebook an. Denn damit trauen wir uns dann vielleicht in naher Zukunft, dass wir es normal finden, dass all die kleinen Datenschnipsel des Smartphones und unserer Uhr (Herzschlag, EKG, Sauerstoffsättigung etc.) uns gehören, für uns von Apple verwaltet werden und von dort aus anderen Dienstleistern und Prozessen zur Verfügung gestellt werden.

Es geht also um die API, damit Gesundheitseinrichtungen ihre Messdaten in das Apple Universum einspielen und Patienten den Apps von Ärzten und Krankenhäusern aber sicher auch alternativer Anbieter die Daten in kleinen Häppchen zur Auswertung zur Verfügung stellen. So drehen wir auf jeden Fall unser Verständnis: Es sind unsere Daten und wir stellen sie den Institutionen, Leistungserbringern und Apps zur Verfügung, denen wir vertrauen.

Genau über diesen Ansatz könnte man das gesamte Gesundheitssystem drehen. Vielleicht.

Das Gesundheitssystem könnte wegen seiner unendlichen Komplexität der erste Markt sein, der von absolut Branchenfremden komplett neu ausgerichtet werden kann. Denn: Wer in einem der bestehenden Systeme beteiligt ist, wird sich als neuer Player nicht durchsetzen können. Damit haben Kassenärztliche Vereinigungen, Krankenhäuser und auch Versicherungen von vornherein keine Chance und werden das Nachsehen haben. Denn bei diesem Shift geht es um Interoperabilität, verteilte Datenhaltung, skalierende Systeme und Vertrauen – also ganz klar ein von Informationstechnologie getriebenes Gesamt-System.

Wer den Drehpunkt (Pivot) finden wird, ist noch offen, aber es arbeiten bereits viele daran. Die meisten jedoch mit dem falschen Gesamtverständnis.

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