Warum ESG nicht nachhaltig ist

Warum ESG nicht nachhaltig ist (Bild: geralt/pixabay.com)
Warum ESG nicht nachhaltig ist (Bild: geralt/pixabay.com)

Die beiden Begriffe ESG und Nachhaltigkeit verhalten sich zueinander in etwa wie das Strafgesetzbuch zum friedvollen Zusammenleben von Menschen in städtischen oder ländlichen Gemeinschaften. Sie haben erst einmal nichts miteinander zu tun, auch wenn es vielleicht einige wenige Menschen gibt, die behaupten, dass nur die stete Erinnerung an eine Ordnung und Strafe uns Menschen dazu bringt, uns unseren Mitmenschen gegenüber höflich und friedvoll zu verhalten.

In der aktuellen politischen Diskussion um Nachhaltigkeit werden zwei wesentliche und unerlaubte Verkürzungen parteiübergreifend angewendet:

  • Nachhaltigkeit wird in der öffentlichen Diskussion gleichgesetzt mit Klimaneutralität bzw. der Reduktion von CO2. Dabei ist Nachhaltigkeit ein komplexerer Begriff, bei dem es um das Einfinden in Kreislaufsysteme geht. Hierzu gehören Ökosysteme wie Luft, Boden oder Wasser – aber auch soziale Systeme und Aspekte wie Hunger oder Gesundheit.
  • Die Politik ist nahezu parteiübergreifend der Wahnvorstellung verfallen, dass sie durch neue Regeln, Verbote und ein paar Anreize das Problem in den Griff bekommen wird, koste es was es wolle. So verheddern wir uns dann in der Parteiendiskussion, ob ein Verbot für Dieselfahrzeuge und Kurzstreckenflüge oder eine Verlängerung der Prämie für Elektroautos eine bessere Maßnahme sind, um uns alle zu retten.

Was ist Nachhaltigkeit?

Nachhaltig verhalten wir uns, wenn wir uns einiger der uns umgebenden Kreislaufsysteme bewusst sind, ein Verständnis für Gleichgewichte besitzen und eine Ahnung von der Vielfalt der uns umgebenden Systeme haben.

Wir alle atmen jeden Tag im Kohlenstoffkreislauf, profitieren vom stabilen Golfstrom-Kreislauf und haben das Privileg, in einer demokratischen Gesellschaft mit einem erneuernden Wahlzyklus zu leben. Wenn wir uns die anderen Teilnehmer (andere Menschen, Tiere und physikalische Mechanismen) in diesen Kreisläufen bewusst machen, fällt es uns leichter, einen aktiven Beitrag zum Erhalt dieser Systeme zu leisten, also nach-haltig zu handeln.

Nachhaltiges Handeln kann in einem breiten Spektrum von sehr unterschiedlichen Kreisläufen erfolgen. Die Breite des Spektrums zeigen die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, zu deren Verfolgung und Erreichung auch unser Land sich bis 2030 (Agenda 2030) verpflichtet hat. Nachhaltiges Handeln umfasst daher deutlich mehr als CO2- Neutralität und berührt nicht nur Umwelt-, sondern auch soziale Ziele wie „Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum“ (SDG 8) oder „Geschlechtergleichheit“ (SDG 5).

Was leistet ESG?

ESG steht für „Environmental Social Governance“ (zu Deutsch: Umwelt, Soziales und (gute) Unternehmensführung) und ist ein Risikominimierungskonzept bei der Beurteilung von Unternehmen aus Anlegerperspektive. Nicht per Gesetz, sondern über einen Rahmen, den sich gut geführte Unternehmen und Organisationen selbst geben, wird über Anstrengungen der Unternehmensführung auf dem Gebiet Umwelt und Soziales berichtet. 

Unternehmen und Organisationen, die in diesen Bereichen nicht aktiv werden, stellen für Investoren und Anleger ein größeres Risiko dar als Unternehmen, die sich selbst verordnet haben, in Zukunft auf Umwelt- und Sozial-Aspekte zu achten.

Ist es also gut, wenn Unternehmen und Organisationen

  • für eine gender-gerechte gleiche Vergütung ihrer Mitarbeiter sorgen,
  • grünen Strom einkaufen,
  • Anreizsysteme setzen, damit Mitarbeiter mit dem öffentlichen Nahverkehr zu Arbeit kommen,
  • für weniger Verpackungsmüll bei ihren Produkten sorgen?

Klares Ja, das ist uneingeschränkt positiv!

Sind Aktien oder Kapitalbeteiligungen solcher Unternehmen, die sich ihrer Stellung in der Gesellschaft bewusst sind und in Zukunft weniger Schaden an Kreislaufsystemen anrichten wollen, weniger risikoreich als Unternehmen, die nicht nach solchen Verbesserungen suchen? Ja, denn man kann hoffen, dass Mitarbeiter und Manager in solchen Unternehmen weniger Umwelt- und Sozial-Risiken eingehen.

Sind also solche Unternehmen, die versuchen, sich ESG-konform zu verhalten, nachhaltiger? NEIN – Denn weniger Schaden anzurichten, bedeutet nicht zugleich, aktiv einen positiven Beitrag für ein Nachhaltigkeitsziel zu leisten.

Was bedeutet das für uns konkret?

ESG-Aktivitäten sind positiv und ein erster Schritt zu Veränderung unserer Gesellschaft und unserer Unternehmen. Aber es bedeutet eben nicht, aktiv etwas Gutes für unsere sozialen und ökologischen Systeme zu tun.

Wir dürfen und sollten ESG nicht in Frage stellen. Wir sollten aber jeder Organisation gegenüber Skepsis zeigen, die aus ESG-Aktivitäten ableitet, auch nachhaltig zu handeln.

  • Wenn eine Bank oder ein Anlagefonds behauptet, man biete nachhaltige Anlagemöglichkeiten, dann sollten wir skeptisch werden, wenn dahinter nur ein ESG-Ranking liegt.
  • Wenn Unternehmen in ihrer Werbung den Eindruck erwecken, nachhaltig zu sein, obwohl sie lediglich ESG-Aspekte berücksichtigen, dann sollten wir das weiter untersuchen.

Angewandte ESG-Logik

In der Sprache der Logik ist ESG ein Blocklisting-Ansatz. Man kann damit Risiken wie Schadsoftware entdecken und aussortieren, indem man überprüft, ob es bereits bekannte negative Muster gibt.

Aber nur weil etwas nicht schlecht ist, ist es eben lange noch nicht gut. So kann man mit der ESG-Logik keine guten Unternehmen aufspüren, die nachhaltig handeln, sondern lediglich schlechte Unternehmen, bzw. Unternehmen, die sich nicht mit Umwelt- und Sozial-Aspekten beschäftigen, identifizieren.

Die Diskrepanz wird am Beispiel von RWE deutlich: 

Unter ESG-Aspekten ist ein Unternehmen wie RWE klar positiv zu bewerten. Denn RWE achtet auf soziale Aspekte bei der Unternehmensführung und kompensiert den CO2-Ausstoß der noch laufenden Kohlekraftwerke durch die Pflicht zur Teilnahme am Zertifikate Handel. Damit reduziert RWE nach ESG-Logik die Risiken für Anleger, denn das Unternehmen erfüllt die vom Staat geforderten ESG-Anforderungen. Doch auch wenn RWE als ESG-konform einzustufen ist, ist es – wie nahezu alle Unternehmen heute – sicher nicht nachhaltig.

Unternehmen, die mit ihrem Geschäftsmodell aktiv Positives und Nachhaltiges bewirken wollen, müssen eine konkrete und messbare Auswirkung (Impact) auf eines der 17 UN-Ziele nachweisen. Doch wirklich nachhaltige Geschäftsmodelle haben bisher nur sehr wenige Unternehmen. Denn solche Impact Unternehmen müssen neben dem geeigneten Geschäftsmodell über einen Prozess verfügen, mit dem sie belegen, in welcher Form sie konkret einen positiven Einfluss auf Kreisläufe haben.

Nur weil es so wenige Unternehmen gibt, auf die der Begriff nachhaltig tatsächlich zutrifft, ist es falsch aus risikotechnisch „nicht schlechten“, also ESG-konformen Unternehmen, auf einmal nachhaltige Unternehmen zu machen! Leider tun wir genau das und verspielen damit das Vertrauen von uns Bürgern, Verbrauchern und Anlegern.Es ist unsere Pflicht, hier in Zukunft sorgfältiger hinzusehen und Marketing-mäßige Übertreibungen zu entlarven. ESG-konform ist nicht nachhaltig. Nicht schlecht ist nicht gut.

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