Warum nur einer überleben kann: Kapitalismus versus informationelle Selbstbestimmung
Warum nur einer überleben kann: Kapitalismus versus informationelle Selbstbestimmung - Foto: pixabay.com/bogitw

Warum nur einer überleben kann: Kapitalismus versus informationelle Selbstbestimmung

Die digitale Transformation des Kapitalismus ist im vollen Gange und unsere Marktwirtschaft und die erprobten Wirtschaftsmodelle der letzten 120 Jahre geraten dabei stark unter Druck.

Die faire Preisfindung für digitale Produkte wird schwierig, denn klassische Märkte basieren auf der Knappheit von Waren. In der digitalen Welt der as a Service Modelle gibt es das Produkt aber im Überfluss, weil es zu Grenzkosten von Null hergestellt werden kann.

Monopole und Patente als Schutzwall des Kapitalismus

Das führt dazu, dass alle Produkte, die wir mit Informationen in einen Service verwandeln können, über kurz oder lang kostenlos angeboten werden können. Die einzige Chance für die Unternehmen, dieser Spirale zu entkommen, ist der Aufbau von Monopolen. Genau das sehen wir heute bei den großen Playern wie Alibaba, Amazon, Uber oder Google.

Dazu bedienen sich die großen Internetkonzerne der Trickkiste der klassischen kapitalistischen Welt aus dem letzten Jahrtausend: Durch Patente werden dem Markt aktiv Informationen entzogen. Die Unternehmen pochen auf den Grundsatz des Schutzes von geistigem Eigentum.

Opensource – Gegenströmung für eine offene und teilende Welt

In der gleichen Welt gibt es einen Trend in die andere Richtung: Opensource und die Sharing Economy machen Wissen und Informationen für alle verfügbar und nutzbar. Sollte sich dieser Trend in den nächsten Jahren verstärken und sich damit die Möglichkeiten zum Schutz von geistigem Eigentum verringern, so werden die großen Konzerne Schwierigkeiten bekommen, Monopole zu bilden und sich damit der digitalen Preisspirale zu entziehen.

Für kleinere Unternehmen, und das sind in diesem Fall auch deutsche Konzerne wie Axel Springer oder SAP, die Patente nicht zur Monopolisierung nutzen können, wird die Digitalisierung aus diesem Blickwinkel ein zunehmendes Problem in Bezug auf Erlösmargen.

“Patente vs. OpenSource, Kapitalismus vs. Informationelle Selbstbestimmung. Wie digitalisieren wir unsere Marktwirtschaft?“

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eBay und Co.: Austausch jenseits klassischer Märkte

Der Marktwirtschaft droht aber aus einer anderen Richtung weiteres Ungemach. Dank Peer to Peer Austauschmöglichkeiten der Konsumenten in der digitalen Welt (z.B. eBay) kann wirtschaftlicher Austausch nun außerhalb von klassischen Märkten entstehen und damit Preis- und Kostenstrukturen durcheinander wirbeln.

Externalitäten: Kunden als Helfer der Marktwirtschaft

Auf diesen Trend hat der Kapitalismus jedoch schon längst eine perfekte Antwort gefunden: Plattformen und as a Service- Unternehmen binden Externalitäten aktiv mit in ihre Dienste ein.

„Externe Effekte (Externalitäten) sind Kosten und Nutzen, die in der Produktion oder beim Konsum entstehen, jedoch nicht beim Verursacher anfallen, sondern bei Außenstehenden. Sie wirken am Markt vorbei und sind deshalb nicht in den Marktpreisen berücksichtigt.“ (VWL-Online Glossar)

Das sind z.B. Produktbewertungen, Support-Foren oder andere Aktivitäten, die dem Produkt oder dem Service nutzen und von den Nutzern kostenlos erbracht werden.

Über die Ängste einer kommenden Massenarbeitslosigkeit durch die voranschreitende Digitalisierung wird viel geschrieben – aber das ist nicht die größte Gefahr für unser geliebtes und gehasstes Wirtschaftsmodell. Durch die immer höhere Automatisierung drohen uns die zukünftigen Märkte auszugehen. Und das wäre das Ende unserer heute geliebten Marktwirtschaft.

Warum der Kapitalismus unsere informationelle Selbstbestimmung bedroht

Aus diesem Dilemma gibt es eigentlich nur zwei Wege, die in ihrer Konsequenz beide fürchterlich für uns als Individuen sind:

  1. Wir öffnen immer persönlichere Dinge für kommerzielle Dienstleistungen. Der Hundesitter für´s Gassi-Gehen ist ein harmloser Ansatz, zeigt aber den Weg in die persönliche Sphäre. Aus welchen Gefälligkeiten, die wir früher in Beziehungen, Familien oder unter Freunden einfach so füreinander gemacht haben, wollen wir zukünftige Märkte konstruieren? Keine schöne Vorstellung.
  2. Die andere Methode, wie wir den Kapitalismus retten können, ist, dass wir dem System unsere ganz persönlichen Daten als Externalität zur Verfügung stellen und damit auf unsere informationelle Selbstbestimmung verzichten.

Eine Playlist oder der Fahrstil fallen noch in einen Bereich, für den sich einige von uns eine Informationsweitergabe vorstellen können. Aber wollen wir den Konzernen unseren Gemütszustand, unseren Beziehungsstatus oder Gesundheitsdaten zur Verfügung stellen, damit sie – und damit das marktwirtschaftliche System – in Zukunft weiter existieren können?!

„Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist im bundesdeutschen Recht das Recht des Einzelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten zu bestimmen. Es handelt sich dabei nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts um ein Datenschutz-Grundrecht, das im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland nicht ausdrücklich erwähnt wird. Der Vorschlag, ein Datenschutz-Grundrecht in das Grundgesetz einzufügen, fand bisher nicht die erforderliche Mehrheit. Personenbezogene Daten sind jedoch nach Art. 8 der EU-Grundrechtecharta geschützt.“ (Wikipedia)
 

Wenn man über echte Alternativen in dieser Situation nachdenkt, läuft man leicht Gefahr, als Spinner abgetan zu werden. Auch in die Ecke der Digital-Skeptiker möchte ich als Digital-Unternehmer mich ungern stellen.

“Was stellen wir eher in Frage: unser Gesellschaftssystem oder unsere informationelle Selbstbestimmung?“

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Aber ich denke, nachdenken sollten wir über dieses absolut reale Dilemma: Was wollen wir eher ändern und in Frage stellen: unser aktuelles – scheinbar noch funktionierendes – Gesellschaftssystem oder unsere informationelle Selbstbestimmung?

Ich jedenfalls würde gerne meine informationelle Selbstbestimmung behalten und zusammen mit allen Interessierten darüber nachdenken und diskutieren, wie wir unsere Marktwirtschaft digital transformieren und verändern können!

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