Warum Software klimarelevant ist

9. März 2022

Meine grundsätzlichen Gedanken zu EU Taxonomie-Verordnung verpacke ich in einen konkreten, wenn auch nicht ganz ernst gemeinten Praxistipp. Wer diesen Artikel bis zu Ende liest, erhält einen echten Tipp zum konkreten Geldverdienen. Ich befürchte aber, dass das ein einmaliger Ausrutscher auf diesem Blog bleiben wird. 😉

Es gab erstmals eine öffentliche Diskussion unter dem Stichwort EU Taxonomie, um die Frage zu klären, ob wir Gas und Atomkraft als gute ökologische Energiequellen einstufen, die dann gemäß der Taxonomie-Logiken nicht bestraft, sondern gefördert werden. Die Kurz- Begründung für eine solche Einstufung ist der quasi nicht vorhandene CO2-Ausstoß von Atomkraftwerken sowie die Fähigkeit von Gaskraftwerken, den stark wechselnden Energie-Bedarf aufgrund der nicht konstanten Sonnen- und Windenergie-Erzeugung optimal ausgleichen zu können. Auf Drängen von Frankreich und Polen ist eine Anerkennung dieser Wirtschaftsaktivitäten inzwischen als Taxonomie-konform eingestuft worden.

Was macht die EU Taxonomie-Verordnung? 

Die Verordnung (EU) 2020/852 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 18. Juni 2020 über die Einrichtung eines Rahmens zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen klassifiziert Wirtschaftsaktivitäten im Hinblick auf ihre ökologische Nachhaltigkeit in Taxonomie-konforme, die bevorzugt werden und nicht konforme, die fortan benachteiligt werden.

Wirtschaftsaktivitäten, die folgenden Grundsätzen genügen, werden als Taxonomie-konform eingestuft:

  • Klimaschutz
  • Anpassung an den Klimawandel
  • Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen
  • Wandel zu einer Kreislaufwirtschaft
  • Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
  • Schutz und Wiederherstellung von Ökosystemen und Biodiversität

Bisher hat diese Art von Klassifikation gesellschaftlich anders funktioniert. Der bisherige Begriff, den die EU nun durch ein Gesetz zu verordnen versucht, hieß Ethik. „Ethik ist jener Teilbereich der Philosophie, der sich mit den Voraussetzungen und der Bewertung menschlichen Handelns befasst und ist das methodische Nachdenken über die Moral. Im Zentrum der Ethik steht das moralische Handeln.“ zitiert Wikipedia aus dem Lexikon Philosophie – Hundert Grundbegriffe, Reclam, 2011.

Dank der EU Taxonomie-Verordnung brauchen wir jetzt zumindest für unsere wirtschaftlichen Aktivitäten keine Philosophen, keine Moral und auch keine Ethik mehr. Es reicht ein Blick ins Gesetz. Praktisch. Das spart langwierigen Diskurs und Diskussion oder verlagert sie zumindest in eine andere Sphäre, nämlich ins Politische.

Aber was haben wir damit wirklich angerichtet?

In meinem Beitrag zur Funktionsweise von CO2-Zertifikaten habe ich die Befürchtung geäußert, dass nun alle möglichen Interessenverbände auftauchen werden, um an solchen CO2-Einsparungen finanziell zu partizipieren.

Diese Wetten finden schon statt. In Australien möchten ein Tech-Milliardär und eine kanadische Investmentfirma den australischen Kohlekraftwerksbetreiber AGL übernehmen. Es geht immerhin um ca. 8 Milliarden AU-Dollar, also knapp 5,2 Milliarden Euro. Die Kohlekraftwerke von AGL haben zugesicherte Laufzeiten.

Die Idee ist simpel. Ein grüner und guter Investor, der die Welt retten möchte, investiert in einen nach neuen Glaubenssätzen nicht mehr gutes Asset. Der Investor verkürzt nun die zugesicherte Laufzeit der Kraftwerke und spart damit CO2 ein. Dieses eingesparte CO2 lässt sich der Betreiber dann vergüten. Denn was ist in der weltweiten Klima-Bilanz sonst der Unterschied zu gepflanzten Bäumen oder weniger gestarteten Flugzeugen?

Das ist kein weiterer Beweis für das Nicht-funktionieren von Märkten. Es ist der deutliche Hinweis, dass wir Märkte nicht ´mal eben per Gesetz schaffen können.

Auch Programmierer können CO2 einsparen

… und damit in Zukunft Geld verdienen. In den letzten Wochen tauchen in wundersamer Form Berichte zum Energie-Verbrauch von Programmiersprachen auf. Diese referenzieren auf Artikel aus dem Jahr 2018, in denen es um die Energieeffizienz von Programmiersprachen geht und die Art und Weise, wie Code auf Qualität unter Umwelt-Aspekten beurteilt werden sollte. Technisch betrachtet auf jeden Fall spannend.

Denn auch wenn es im Detail komplizierter ist, ist klar, dass man mit hocheffizientem Maschinen-nahen C++ Code energieeffizienter programmieren kann als mit moderneren Hochsprachen wie Python. Dafür benötigt man eben auch das x-fache an menschlicher Energie in Form von Stunden zum Programmieren. Je nach Betrachtung liegt zwischen „guten“ und „schlechten“ Sprachen ein Unterschied im Verhältnis von 1:40. Aber auch benötigte Zeit und benötigter Speicher sind wichtige Faktoren. 

Auf diese verschiedenen Ressourcen-Verbräuche hinzuweisen und Programmierer dafür zu sensibilisieren, ist gut und sinnvoll. Beim Branchenverband Bitkom gibt es dazu auch eine Arbeitsgruppe. So weit, so gut.

Grüner Code 

Das ist doch eine prima Geschäftsidee: Wenn wir also nun im großen Stil Code identifizieren, der häufig eingesetzt wird und in nicht-energieeffizienten Sprachen erstellt wurde, dann können wir dem Betreiber ein schickes Projekt anbieten: Austausch des Codes durch grünen Code. Für das in der Zukunft eingesparte CO2 erhalten wir dann Zertifikate. Echt eine Wahnsinns- Idee!

Bisher mussten sich solche Effizienz-Ideen gegen die Einsparung im eigenen Geschäftsmodell rechnen. Also im Beispiel der Programmiersprachen gegen die für den Betrieb genutzte Energie bzw. deren Einsparung. 

Nachdem wir Jahrzehnte-lang für Externalitäten wie CO2 oder Umweltverschmutzung nichts bezahlen mussten, können wir nun auf einmal mit Externalitäten Geld verdienen. Diese Logik kann nur mit unendlichen Geldmengen funktionieren, denn irgendwer in der Kette muss das Geld ja bereitstellen.

Diese Grundidee entspricht vielleicht den fröhlichen Boom-Zeiten der letzten 12 Jahre, in denen Werte wie Aktien und Immobilien sich so prächtig entwickelt haben. Aber irgendwann kommt der Schuldenzyklus und wirkt. Irgendwann werden wir daran erinnert, dass jemand diese Beträge auch real erwirtschaften muss. Ein unsanftes Erwachen. Vielleicht holen uns die aktuell sehr bewegenden Realitäten wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Quelle: www.unsplash.com
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