Warum wir in Deutschland völlig falsch über Tesla diskutieren
Warum wir in Deutschland völlig falsch über Tesla diskutieren - Screenshot: https://www.teslamotors.com

Warum wir in Deutschland völlig falsch über Tesla diskutieren

Über 250.000 Vorbestellungen für ein Tesla Model 3, welches dann hoffentlich Ende 2017 ausgeliefert wird (zumindest an die ersten Kunden). Das ist in jeder Hinsicht schlichtweg Wahnsinn.

Für Deutschland hat die Bundesregierung im Jahr 2011 das Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf den Straßen im Einsatz zu haben. Die Realität ist: Wir haben im gesamten Jahr 2015 in Deutschland 12.500 neue Elektro Autos auf die Straße gebracht.  Da sind 250.000 Bestellungen in 4 Tagen schon eine echte Ansage.

Warum deutsche Autobauer keine Chance haben – Faktor Markt

Tesla macht gerade ein Auto vorbestellbar, das man heute schlichtweg noch nicht zu dem avisierten Preis von 35- 42.000 US Dollar bauen kann. Die Reichweite liegt mit 350km deutlich über allem, was deutsche Automobilhersteller aktuell im Angebot haben – und das zu einem heute unschlagbaren Preis. Diese Marktzugangspraxis ist Neulingen und Disruptoren in einer Branche vorbehalten. Denn die etablierten Anbieter wollen ja weiterhin ihre ganzen Verbrenner-Modelle verkaufen, die sie heute problemlos produzieren können. Tesla blockiert mit diesem Trick die Budgets der privaten Autokäufer und zweigt die gesamte Aufmerksamkeit ab. Ganz so, wie wir das von Steve Jobs beim iPhone schon kennenlernen durften.

Die deutschen Autohersteller BMW, Mercedes-Benz, Opel und Volkswagen haben in dieser Situation eigentlich keine Chance, etwas besser zu machen. Schließlich müssen sie als Platzhirsche real verkaufbare Produkte anbieten. Und es zeigt sich mal wieder, dass Börsen die Unternehmen zu viel zu kurzfristigem Handeln zwingen und Innovationen verhindern. Denn wer langfristig als Unternehmen eine Chance haben will, muss zulassen, dass die eigenen Kernprodukte kannibalisiert werden. Aber für sinkende Verkaufszahlen wird man an der Börse nicht gefeiert.

“Warum deutsche Autobauer keine Chance haben #elektromobilitaet #teslamodel3“

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Warum deutsche Autobauer keine Chance haben – Faktoren Technik und Haltung

Tesla liefert heute schon Autos, die Updates mit echten neuen Funktionen – wie die Selbstfahrfunktion – per Internet erhalten. Man steigt morgens in sein Auto ein und es hat neue Funktionen. Das gibt es bei den klassischen deutschen Anbietern nur gegen Aufpreis und nur in der Werkstatt. Kein deutsches Automobil-Unternehmen hat eine Genetik als Software-Unternehmen und liefert neue Features und Funktionen für ein bereits ausgeliefertes Produkt.

Wir hampeln beim Thema Elektromobilität mit Hybrid und Plug-In rum, damit der Kunde wie gewohnt 400km fahren kann, oder wir bauen echte Elektroautos, die dann nur 150km weit kommen und damit außer als Zweit- oder Dritt-Wagen zum Einkaufen zu nichts nütze sind. Wir wagen nichts und machen zu viele Kompromisse. Das macht die deutschen Automobilhersteller unnötig angreifbar. Und anders als beim Thema Marktzugang gibt es hier echte Versäumnisse, Hochnäsigkeit und Arroganz.

Liebe deutsche Automobilhersteller: Wer einmal elektrisch gefahren ist, der will vom Fahrgefühl her nicht mehr umsteigen. Da sind Vorsprung durch Technik und Freude am Fahren am Ende. Wenn Ihr das auch nur annähernd ernst meinen würdet, dann könnte man bei einem der deutschen Anbieter ein echtes Elektroauto kaufen, auf das man als Käufer stolz sein kann. Stattdessen baut VW in einen Polo einen Elektromotor ein – wie einfallslos ist das denn?

Warum Tesla jetzt echte Probleme hat

Tesla hat gerade keine 250.000 Autos verkauft, denn verkaufen kann man nur etwas, das man hat oder auch sicher produzieren kann. Und davon ist Tesla aktuell weit entfernt. Immerhin hat sich die Auslieferung des Model S mehrfach verzögert und Tesla kommt nicht mit der Auslieferung der bestellten Modelle hinterher. Zudem hat Tesla im Jahr 2015 (nur) 50.000 Model S produziert und mit jedem Auto 4.000 US Dollar Verlust gemacht.

In 2015 hatte Tesla einen Geld Bedarf von über 2 Milliarden US Dollar, davon etwas über 500 Millionen US Dollar aus einem negativen Cash-Flow und 1,5 Milliarden US Dollar für Investitionen, davon das meiste in die Batteriefabrik.

Für die jetzt vorbestellten Model 3 benötigt Tesla realistisch noch einmal 10 Milliarden US Dollar – eine aus heutiger Sicht gigantische Summe.

Bisher hat Tesla im Luxussegment gewildert und abgeräumt. Da muss man als Käufer auch bei den Wettbewerbern ein paar Monate auf sein gutes Stück warten. Ob der Normalverbraucher bereit ist, auf seinen Tesla 12 Monate über die geplante Zeit zu warten, bleibt abzuwarten.

Aber für Elon Musk werden diese Punkte vor allem eine riesige Herausforderung und kein Problem sein. Ein Job wie gemacht für jemanden, der Raketen zum Wiederverwenden wieder auf der Erde landen lässt.

“Warum der Run auf #teslamodel3 @elonmusk vor neue Herausforderungen stellt“

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Warum die Falschen darüber reden

Es war kein Aprilscherz und mit diesem Hype vor dem Wochenende hatte keiner gerechnet. Aber bitte verschont uns mit Interviews und Analysen wie diesen, liebe Journale! In diesem Spiegel-Artikel hat die Überschrift nichts mit dem Inhalt zu tun. Auch an einem Wochenende sollte eine FAZ mehr Analyse zu bieten haben, als einfach ein wenig Skepsis zu verbreiten.  Und auch die Fokus Fakten sind ziemlich dünne.

Wie geht es weiter?

Wir alle sind können live und in Farbe zusehen, wie eine Branche disruptiert wird. Und wir sehen, dass Disruption nicht immer digital erfolgen muss: man kann auch in produktionsintensiven Branchen alles auf den Kopf stellen mit neuen Technologien und einer starken Vision.

In Deutschland sind wir nicht nur massiv vom Export generell, sondern auch sehr stark von unseren großen Automarken mit ihren zahlreichen, vor allem deutschen Zulieferern abhängig. Daher hoffe ich, dass wir die Veränderung auf der prozessualen und technologischen Ebene doch irgendwie hinbekommen und wir es als Verbraucher endlich schaffen, auf die Elektroautos umzusteigen. Denn sonst wird uns das vor allem auf den für unsere deutschen Automarken wichtigen Auslandsmärkten massive Probleme bereiten. Und das wird in der Folge zu starken Einbußen unserer vom Export abhängigen Wirtschaft führen.

Als Unternehmer kann ich anerkennend sagen: Einfach toll, was dieser Elon Musk da hinbekommen hat und wie er all die systemischen Schwachstellen im Technologie-Verständnis und im Geschäftsmodell der Automobilbranche ausgenutzt hat. Da muss man ihm eigentlich auch die Daumen drücken, dass er das Husarenstück mit der Produktion der vorverkauften Autos hinbekommt.

Wir werden sehen.

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