Warum wir Konflikte als Chance ansehen sollten

Warum wir Konflikte als Chance ansehen sollten (Bild: geralt/pixabay.com)
Warum wir Konflikte als Chance ansehen sollten (Bild: geralt/pixabay.com)

Reinhard Sprenger ist Management Berater und Coach. In dieser Rolle erwarten Führungskräfte von ihm Orientierung und erprobte Handlungsmuster. Diese Erwartung erfüllt Sprenger in seinem neuen Buch über die Magie des Konflikts jedoch nicht. Man spürt als Leser, dass Sprenger sich auf den Weg gemacht hat und uns an seinen Erfahrungen teilhaben lassen will. Aber man merkt auch, dass dieses Gedankengebäude nicht ganz fertig ist und an der einen oder anderen Stelle noch ein wenig wackelt.

Das bisherige Mantra: Konfliktvermeidung

Durch Erziehung, Schulsystem und Wertekonzepte sind wir heute fast in einer Ideologie der Konfliktvermeidung gefangen. Wir sollen dem Ärger aus dem Weg gehen, der Klügere gibt nach und Schweigen ist Gold. In dieser Welt der absoluten Werte ist der Konflikt negativ belegt. Es gilt, Konflikte zu vermeiden.

Zwar hat Sprenger schon früher für sich und seine Leser erkannt, dass wir auf Basis einer reinen Gesinnungsethik, also einem festen Wertekanon, nicht erfolgreich führen können. Verantwortliches Handeln und Führen bedarf der Übernahme von Verantwortung für das Ergebnis des Handelns – so wie es die Verantwortungs-Ethik fordert. In unserer immer fundamentaler werdenden Welt ist die Gesinnungsethik wieder auf dem Vormarsch.

Neue Sichtweise und Elemente der Systemtheorie

In seinem aktuellen Buch hat Sprenger den Konflikt als Quell für Entwicklung, Fortschritt und damit als wesentlichen Baustein für den Fortbestand von Führung und Gesellschaft an sich entdeckt.

Er scheint damit auch die Systemtheorie von Luhmann für sich als neuen Wirkungskontext entdeckt zu haben. Wir Menschen haben damit keine festen Eigenschaften mehr, sondern wir verhalten uns in bestimmten Umgebungen durch Antworten auf Reize. Wir sind nicht festgelegt. Wir können uns widersprüchlich verhalten, Ambiguitäten eingehen oder verursachen. Die Systemtheorie trennt das Handeln vom Subjekt. 

Dies hat in der digitalen Welt enorme Auswirkungen. Denn KI Systeme sind ja nichts anderes als Klassifizierer. Uns werden Label und Eigenschaften zugewiesen, die Algorithmen aus unseren Handlungen ableiten.

In der Systemtheorie ist klar, dass ich diese Eigenschaften nicht statisch erhalte, sondern dies lediglich Verhaltensantworten in bestimmten Systemumgebungen sind.

Aktive Gestaltung von Konflikten als Schlüsselkompetenz für Führung

Konflikte ermöglichen es uns, diese Widersprüche zu ertragen aber auch zu managen. In unserer digitalen, sich schnell verändernden Welt ist damit die Kompetenz, Konflikte aktiv zu gestalten ohne Verlierer zu generieren, die Schlüsselkompetenz, um Menschen und Organisationen erfolgreich zu führen.

Diese fundamentale neue Erkenntnis wird unter vielen Aspekten beleuchtet und betrachtet. Sprengers Sprachwitz ist dabei an vielen Stellen ein echter Genuss.

Und Sprenger bearbeitet auch die dadurch entstehenden Widersprüche zur eigentlich noch modernen werteorientierten Führung: Die vereinheitlichenden Werte-Konzepte von integraler Führung, z.B. durch Unternehmenswerte, werden in Zukunft vor allem Hinderungsgrund für Veränderung sein. Die vermeintliche Klarheit durch Werte für Alle vernichtet Ambiguität/Mehrdeutigkeit und verhindert die Zusammenarbeit verschiedenartiger Menschen.

Nur einen wichtigen Gedanken vergisst Sprenger uns mit zu teilen: es geht um den neuen Blick auf Konflikte als Chance, aber eben genau die Konflikte; in denen die Individuen noch die Möglichkeit haben sich durch Vermittlung zu verändern und anzupassen. Denn es gibt auch Konflikte mit verfestigten fundamentalen Standpunkten. Auch diese sind irgendwie verhandelbar – aber nicht mit einer einseitigen Freude am Konflikt.

Anregung, aber keine Anleitung

So ist dieses Werk mehr eine umfassende Begründung für Sprengers offensichtliche Hinwendung zu Systemtheorie. Und er liefert uns viele gute Beispiele, wieso wir alle einen Teil unserer Verhaltensmuster über Bord werfen und lernen sollten, Konflikte vor allem als Chance auf Veränderung zu sehen.

Aber wir erhalten keine Hinweise oder gar Lösungen, wie wir alle lernen können, Konflikte in Zukunft ohne Stress und zu viel Emotionalität zu führen und zu gestalten.

Dennoch ein wichtiges Buch für alle, die sich in dieser Welt digitaler Veränderungen zurechtfinden und aktive Zukunft mitgestalten wollen.

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Reinhard K. Sprenger
Magie des Konflikts: Warum ihn jeder braucht und wie er uns weiterbringt
Deutsche Verlags Anstalt, 320 Seiten, 24,00 Euro
Kindle Ausgabe 19,99 Euro

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