Was vom wahren Journalismus in der digitalen Welt übrigbleibt – eine Bestandsaufnahme
Was vom wahren Journalismus in der digitalen Welt übrigbleibt │stefanfritz.de

Was vom wahren Journalismus in der digitalen Welt übrigbleibt – eine Bestandsaufnahme

Warum Medienunternehmen und Journalisten das Silicon Valley nicht zum Vorbild nehmen dürfen, wenn sie sich fit für die Zukunft machen wollen.

Der Niedergang der Printausgaben von Zeitungen und Zeitschriften schreitet mit großen Schritten voran. Regelmäßig hören wir neue Hiobsbotschaften von gesunkenen Auflagen Für viele ist die Ursache klar: keine richtige Digitalisierungsstrategie! Kein Transformations-Konzept!

Doch das scheint nicht das einzige Problem im Blätterwald zu sein. Der Begriff der „Lügenpresse“ wird immer wieder laut; es ist die Rede von verlorenem Vertrauen und der Nähe zur Macht. Und wenn die Zunft selber darüber schreibt, dann wird beschwichtigt und beruhigt. Schließlich hat der „echte Journalismus“ auch mit den Gerüchtestreuern und Parolenanbietern zu kämpfen, die mit populistischen und oft vorurteilsbeladenen Aussagen erfolgreich ein breites Publikum ansprechen.

Früher war alles besser

Ein Journalist hat früher nicht für ein Imperium mit einem Konglomerat von vielen Zeitungen gearbeitet, sondern für einen lokalen Verleger (Dorfblätter) oder für einen Verleger mit Überzeugung. Zwar musste sich ein Journalist auch „damals“ danach richten, was sein Arbeitgeber wollte, aber es gab eine große Vielfalt potentieller Arbeitgeber. Der journalistische Prozess bestand darin, dass man sich natürlich daran orientiert hat, was andere Journalisten zu einem Thema geschrieben haben und dann je nach eigenem Stil und Positionierung eine Meinung oder Idee eines Kollegen übernommen hat oder den Sachverhalt etwas anders beleuchtet hat. Die Journalisten als Gruppe fungierten damit als Informationsfilter und durchliefen einen Konsensprozess.

Der Redaktion kommt in diesem Zusammenhang die Rolle einer Fokussierungseinheit zu, die der Zeitung die Richtung gibt, das Konzept für den Markt, also uns als Leser mit unseren Vorlieben und Wünschen. Dadurch können Zeitungen und Zeitschriften als Produkt mit Profil entstehen.

Die Gruppe der Journalisten war von Außen nicht direkt zu steuern, weil sich eine innere Struktur basierend auf Reputation und Qualität ausbildete. So entstand eine Presselandschaft aus Verlegern, Redaktionen und Journalisten, der man als Leser vertrauen konnte.

Die Beeinflussung der Redaktions- und journalistischen Arbeit durch Werbeanzeigen gibt es übrigens schon, seitdem es die ersten Zeitungen gab. Bis zur Digitalisierung mit Google und Co. wurde das interessanterweise nicht als grundsätzliches Problem wahrgenommen, das flächendeckend das Vertrauen zwischen Leserschaft und Zeitung/Zeitschrift angegriffen hätte.

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Quelle: Statista

Ökonomisierung – Der Weg zur „Lügenpresse“

Mit den Verlegern, Zeitschriften, Zeitungen und Journalisten ist dann vor allem in der Zeit von 1950 bis heute das gleiche geschehen wie mit unserer ganzen Gesellschaft: Ein wirtschaftlicher Sog hat alles erfasst und verändert – wir haben alles ökonomisiert. Gepredigt und umgesetzt wurden Begriffe wie „Economy of Scale“ und „Kundenfokussierung“. Überleben kann nach diesem Mantra nur, wer groß und mächtig ist. Dadurch hat sich die Anzahl der Verlage halbiert. Noch schlimmer ist das Bild hinter den Kulissen: Durch die Aggregation haben sich Super-Verleger gebildet, die ganze Regionen oder Themen besetzen und in der Hand haben. Die WAZ-Gruppe etwa hat über 700 Zeitungen unter ihrem Dach vereint, in Ungarn hat die Gruppe einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent.

Beim Veröffentlichen geht es heute um Macht: Deutungs-Macht (Deutungshoheit) und Auflagen-Macht. Das hat die Funktion des Informations-Filters aus Verleger, Redaktion und Journalist quasi zerstört. Die Ökonomisierung und damit die Macht der Verleger und der zusammengelegten Mega-Redaktionen haben das Vertrauen der Menschen in „die Presse“ zerstört. Die Grenze zur Manipulation wird in diesem System häufig überschritten.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet wird die Lügenpresse greifbar. Zur Wehr setzen sich einzelne Journalisten, doch auch sie sind im System gefangen und können alleine nichts ausrichten gegen diesen Vertrauensverlust, egal wie integer sich einige oder die meisten von ihnen verhalten. So wird „die Lügenpresse“ zum Sinnbild verletzter Eitelkeiten zwischen Lesern und Journalisten. Die Ursachen liegen indes auf anderen Ebenen – für beide Seiten unerreichbar.

Durch die Ökonomisierung der letzten 50 Jahre hat sich aus dem lose gekoppelten Informations-Filter eine hierarchisch organisierte Informations- und Manipulationsmaschine entwickelt. Ein anachronistischer Verlauf in Bezug auf die Konzepte der Informationsverarbeitung im digitalen Umfeld.

Der Umbau unserer Gesellschaft zur Netzwerkgesellschaft

Unsere Gesellschaft baut sich mit Hilfe der Möglichkeiten der Informationstechnologie gerade um von einer hierarchischen Welt in eine Netzwerk-Gesellschaft. Die digitale Welt nimmt Mittelsmänner aus dem Rennen. Musiker können ihre Musik direkt an ihre Hörer ausliefern. Zwischengeschaltete Institutionen wie Label und der Großhandel sind nicht mehr erforderlich. Auch bei Büchern ist dieser Trend zu erkennen. Self-Publishing lässt klassische Buchverlage außen vor.

Die Digitalisierung verkürzt die Wege, Mittelsmänner und ehemalige Gatekeeper der hierarchischen Welt werden überflüssig. Das nennen wir Disruption. Die Spezialisten für digitale Disruption sitzen im Silicon Valley. Sie können Märkte zusammenbrechen lassen und Auserwählte zu neuen digitalen Gatekeepern und Machtinhabern ernennen.

Bei diesem Umbau der Gesellschaft bleiben nicht nur Mittelsmänner auf der Strecke. Auch etablierte Modelle zur Vertrauensbildung und gesellschaftlichen Konsensbildung gehen verloren. Und weil diese für die neuen digitalen Geschäftsmodelle erstmal nicht so wichtig sind, hat sich das Silicon Valley noch nicht um Ersatz gekümmert. – Das ist eigentlich auch gar nicht nötig, denn auch wir als Gesellschaft haben ein neues Mantra:

Aufmerksamkeit – Die Ökonomisierung der Gesellschaft

Nicht nur Firmen und Organisationen unterliegen dem Ökonomisierungswahn. Auch wir Menschen vermessen uns selbst. „Quantified Self“ ist der sichtbare Megatrend. Eher im Verborgenen hat die Netzwerkgesellschaft noch ein anderes Mantra eingeführt: Aufmerksamkeit.

In einer Welt mit einer zunehmenden Anzahl von Kanälen und der totalen Reizüberflutung geht es vor allem um Aufmerksamkeit. Haben früher Zeitungsanzeigen und Leuchtreklamen in anonymer Form um unsere Aufmerksamkeit gerungen, so gehen die Protagonisten heute individuell und perfide vor. Abgestimmt auf persönliche Interessen wollen alle unsere Aufmerksamkeit. Gemessen in Wahrnehmungs-Minuten kommen wir alle ganz persönlich in diese ökonomisierte Welt. Wem schenken wir unsere Aufmerksamkeit?

Es geht nicht mehr darum, für welchen vertrauensvollen und intakten Informationsfilter wir unser Zeitungsabo zahlen und damit eine Redaktion am Leben erhalten, sondern um die Klickrate: Auf welchen Artikel oder eher auf welche Aufmerksamkeits-heischende Überschrift klicken wir und schaffen damit messbare Reichweite? Übrigens ist es in dieser Welt unerheblich, ob wir den Artikel tatsächlich lesen – der Klick zum Messen reicht.

Inzwischen befinden wir uns in einem Stadium der Überinformation: es werden deutlich mehr Informationen produziert als wir jemals ansehen, lesen oder gar verarbeiten können. Es ist eine Frage der Zeit, wie groß diese Aufmerksamkeitsblase noch werden kann bevor sie platzt.

Der Kampf des Individualismus gegen gesellschaftlichen Konsens

Der Blogger ist ein Produkt unserer Zeit, die ultimative Antwort auf die ungestellte Frage, wie der Journalismus der Zukunft nach der Digitalen Transformation aussehen kann:

Auf jeden Fall absolut individuell, keine Hierarchie, pures Netzwerkkonzept, der direkte Draht zwischen Schreiber und Leser. Leider gibt es noch eine zweite Ebene dieses Ansatzes, quasi einen Kollateralschaden: Die Kommunikation zur Konsensbildung erfolgt nicht mehr zwischen den Schreibenden, sondern direkt bei den Empfängern. Mittels Kommentarfunktionen oder Antworten via Facebook und Twitter kann sich der Leser direkt zu Wort melden.

Aber entsteht so gesellschaftlicher Konsens, wenn jeder plappern kann und darf, was er will?

Entsteht so Vertrauen? Ja, viele Blogger haben eine treue Gefolgschaft, einige in der Größenordnung von großen Zeitungen. Aber Vertrauen zu Individuen ersetzt keine Konsensbildung, keine vertrauensvolle (positive) Filterfunktion.

Blogger sind also nicht die vollständige Antwort auf den Journalismus der Zukunft.

Und: auch Blogger kämpfen um Aufmerksamkeit, um Klickraten, um Reichweite. Blogger sind ebenso im ökonomischen Netz verstrickt und müssen ihre Reichweite mit Hilfe von Werbung monetarisieren.

Einen interessanten Ansatz verfolgt Merkurist mit einer neuen Form des Lokaljournalismus. Statt Nachrichten-orientiertem Journalismus gibt es hier Gemeinde-orientierte Berichterstattung, die von den Lesern mit initiiert und vorangetrieben wird. Wir sollten beobachten, wie sich dieses Konzept entwickelt und selber darüber nachdenken, wie wir die früheren Filterfunktionen der Journalisten in die neue digitale Welt transformieren können!

“Der digitale Journalismus ist in der Aufmerksamkeitsfalle. Vertrauensverlust ist Lügenpresse! Eine Analyse mit Ausblick“

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Der falsche Ratschlag: Multichannel

Ein Hype aus der digitalen Welt heißt Multichannel. Redaktionen und Handeltreibende sollen auf allen Kanälen verfügbar sein. Den Zusammenhalt soll Channel-Orchestration gewähren. Dafür geben Verleger Rechte an ihrem Artikeln zur Vermarktung an und über andere Kanäle ab. Einer der angeblich heilbringenden Kanäle, der neue Erlösmodelle für Verleger erschließen soll, ist Blendle und bei unseren Nachbarn in den Niederlanden sehr beliebt. Tatsächlich aber geben die Verleger dabei Rechte an ihrem geistigen Eigentum, ab und wünschen einem fremden Channel-Betreiber viel Spaß und vor allem viel Erfolg bei der Vermarktung ihrer Inhalte in der Hoffnung auf ein paar zusätzliche Dollars.

Der richtige Rat für Verleger kann daher nur „One Channel“ heißen. Denn es geht um eine einzige Verbindung von demjenigen, der den Content erzeugt hat, zu seinen Nutzern. Ein anderes Wort für die „Ein Kanal“ Strategie ist „Plattform-Modell“.

Richtig erkannt und umgesetzt hat dieses Konzept Amazon im Bereich Bücher. Es geht nicht darum, ob ein eBook, ein Hardcover oder ein Hörbuch besser ist. Es ist unerheblich, welches das favorisierte Medium oder der favorisierte Kanal in einer individuellen Multichannel-Strategie ist. Es geht darum, dem (Buch-) Leser einfach alle Kanäle anzubieten und zwar zu einem Preis. Und dann kann der geneigte Buchleser sein Lesevergnügen anfangen auf dem Sofa mit der Hardcover Ausgabe, im Auto als Hörbuch „weiterlesen“ und im Flieger auf das eBook zugreifen. Russ Grandinetti, bei Amazon verantwortlich für das eBook Geschäft, hat das im Interview mit dem „Spiegel“ klar formuliert Amazon bespielt die verschiedenen Kanäle selber und bietet damit ein homogenes Plattform-Konzept für seine Bücher und auch den Musikbereich. – Dass es sich bei Amazon nicht um eine faire digitale Plattform handelt, ist ein anderes Thema.

Währenddessen zögern Zeitungsverleger und Journalisten weiterhin, ob sie partnerschaftliche Plattformen z.B. zum Vorlesen ihrer Beiträge wie narando integrativ in ihre Produkte einbinden und damit ein „One Channel“-Konzept verfolgen. Oder sollen sie sich lieber für einen zusätzlichen Channel wie das aktuell offline befindliche phonicle entscheiden, bei dem sie nach dem Blendle-Vorbild die Chance auf eine zusätzliche Erlösquelle unter Verlust der Content- Kontrolle haben?

Dabei wäre die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Konzept so einfach!

Die totale Digitale Vernetzung naht: AlphaApps

Aber wenn wir weitermachen wie bisher, wird es noch Schlimmer kommen. Denn wir werden zunehmend müder, auf verschiedene Webseiten oder Portale zu klicken. Unsere menschliche Trägheit führt uns nach dem freudigen Erkunden neuer technischer Möglichkeiten in die konsumtive Monokultur. In der Webwelt ist diese Entwicklung schon klar zu beobachten; schon bald wird das Ganze auch in der App-Welt auf unseren Smartphones und Tablets geschehen. Hier haben die großen amerikanischen Marken wie Apple, Google, Facebook und Amazon wieder die Nase vorn und werden die App-Welt von morgen als Mega-Gatekeeper beherrschen, weil wir zu bequem sein werden, uns viele Apps mit nur einer Funktion auf unser Smartphone zu laden, etwa unsere Lieblingszeitung.

Die Metrik dieser Mega-Gatekeeper ist klar: es geht um Mega-Ökonomisierung. Hier werden aus Prinzip nicht die besten Artikel zu finden sein, sondern diejenigen, die am meisten Aufmerksamkeit bekommen haben oder werden. Das Traurige daran für uns Nutzer ist, dass wir selber diese Entwicklung mit unserer Bequemlichkeit befeuern. Damit wird offensichtlich, dass es einen echten Zusammenhang zwischen manipulierender „Lügenpresse“ und dem Digitalisierungsversagen einer ganzen Branche gibt.

Eine Antwort für hochwertigen Journalismus kann nur eine digitale Plattform sein, die

  • viele Journalisten bündelt,
  • das Konsens- und Filterprinzip unter den Schreibenden wieder ermöglicht,
  • eine unabhängige Bezahlung gewährleistet und
  • den Lesern Partizipation und Teilhabe ermöglicht.

Bisher sind nur zarte Pflänzchen wie Krautreporter oder Sobooks bei Büchern zu erkennen. Mit Übermedien geht gerade ein neues Format an den Start, das sich im Bereich der Medienkritik positioniert. Eine echte Herausforderung für neue und innovative Startups!

“Wir Leser sind gefragt: Was ist uns guter und fairer #Journalismus wert? #Medienkrise #digitaleplattformen“

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Wir Leser haben es in der Hand!

Solange wir Leser basierend auf den aktuellen Aufmerksamkeitsmodellen mit unseren Klicks bezahlen und dann auch noch die Erwartung haben, qualitativ hochwertigen, unabhängigen Journalismus zu erhalten, zeigen wir nur unsere eigene Hilflosigkeit. Wir fördern damit die ökonomischen Zwänge der digitalen Aufmerksamkeitswelt. Wir erzeugen quasi „Lügenpresse“.

Wer aus diesem Teufelskreis heraus will, sollte sich drei Fragen stellen:

  • Bin ich bereit, für echten qualitativ hochwertigen Journalismus echtes Geld zu bezahlen, mit dem andere Menschen ihre Familien ernähren können?
  • Möchte ich mit meiner Aufmerksamkeit die Klick-optimierte ökonomisierte Mega-Journalismus-Welt, oder andere – faire – Plattform-Konzepte unterstützen?

Aus diesen beiden Fragen ergibt sich dann die Gesamtfrage:

  • Unterstütze ich mit Geld und Aufmerksamkeit die digitale Monokultur? Oder wie kann ich mit meinem Geld und meiner Aufmerksamkeit Diversität und Vielfalt unterstützen und damit digitale Werte schaffen?

Übrigens, Ich bin überzeugt: wer diesen wirklich tiefen Kundennutzen erkennt und in ein gelungenes faires Plattform-Geschäftsmodell packt, der wird eine Chance haben, den Journalismus aus seiner digitalen Schockstarre zu erwecken!

 

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