Werden wir Elektroautos kaufen? Oder kommen mit dem neuen Antrieb auch neue Geschäftsmodelle?
Werden wir Elektroautos kaufen? Oder kommen mit dem neuen Antrieb auch neue Geschäftsmodelle? - Foto: pixabay.com/fill

Werden wir Elektroautos kaufen? Oder kommen mit dem neuen Antrieb auch neue Geschäftsmodelle?

Carsharing wird immer häufiger als echte Mobilitätsalternative wahrgenommen und erfreut sich gerade in Großstädten enormer Beliebtheit. Dies habe ich zum Anlass genommen, mich mit dem Carsharing Experten Michael Minis über die Geschäftsmodelle für die Mobilität der Zukunft zu unterhalten.

Michael Minis ist Gründer von tamyca und beschäftigt sich seit sechs Jahren mit dem Phänomen der Sharing-Economy und neuen Formen der Mobilitätsbereitstellung. Zunächst für Privatpersonen, inzwischen vor allem im Bereich der Corporate Mobility.

Interview

Stefan Fritz > Michael, warum ist Mobilität auf Sharing Basis besonders attraktiv für Elektromobilität?

Michael Minis > Sharing hat grundsätzlich einen enormen Charme, da die gemeinsame Nutzung vorhandener Ressourcen einen Vorteil für alle Beteiligten erzeugt. Wird eine Sache, sei es eine Wohnung oder ein Auto, geteilt, können die Kosten für die Nutzung gesenkt werden, da die Fixkosten der Anschaffung auf viele Schultern verteilt werden.

Da E-Mobile aktuell noch sehr hohe Anschaffungskosten haben und durch die Ladezeiten eine geringere Nutzungsdauer pro Tag aufweisen, können die Fixkosten pro Nutzer in einem Sharing-Modell deutlich gesenkt werden.

Stefan Fritz > Wann und wo werden sich E-Sharing Modelle durchsetzen?

Michael Minis > Eines der ersten E-Carsharing Modelle hat das Unternehmen autolib im Jahr 2011 auf die Pariser Straßen gebracht. Das Ziel von 3.000 Fahrzeugen in Paris wurde vor kurzem erreicht. Auch Car2Go (Amsterdam) und DriveNow (etwa in Berlin und Kopenhagen) setzen in manchen Städten auf E-Sharing Modelle.

“E-Sharing, also Elektromobilität im Car-Sharing, haben heute schon einige Anbieter im Portfolio.“

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Weitere Carsharing- und Mietwagenanbieter bieten Elektrofahrzeuge an, allerdings meist als Ergänzung zu ihrem regulären Angebot. Einen Überblick kann man sich etwa auf der Seite e-carsharing.net verschaffen. Übrigens ist gerade auch eine Studie des Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) mit vielen Infos zu dem Thema erschienen: Elektromobilität im Carsharing – Status quo, Potenziale und Erfolgsfaktoren.

Die zunehmende Luftverschmutzung in Innenstädten und der starke politische Wille führen vielerorts zu einer hohen Verfügbarkeit von Ladeinfrastruktur.

Norwegen ist ein gutes Beispiel dafür, dass die steuerliche Begünstigung und der Ausbau der Infrastruktur zu einem Anstieg von E-Fahrzeugen auf den Straßen führen. Somit es ist nur eine Frage der Zeit, bis gerade im innerstädtischen Verkehr, bei kurzen Distanzen und geringen Strecken, E-Sharing Modelle ihre Vorteile gegenüber Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor ausspielen können.

Die Akzeptanz der Nutzer ist bereits heute überwältigend. Zwar zögern Nutzer, die noch nie ein Elektroauto genutzt haben, häufig. Wenn sie allerdings einmal ein E-Auto genutzt haben, entscheiden sie sich immer wieder dafür und genießen die ruhige Fahrt mit innovativem Antrieb.

“Wer einmal ein Elektroauto genutzt hat, wird sich immer wieder dafür entscheiden. #Elektromobilität“

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Stefan Fritz > 62 Prozent der in Deutschland neu zugelassenen Fahrzeuge werden durch Unternehmen zugelassen. Welchen Einfluss wird das auf E-Mobility-Sharing haben?

Michael Minis > Die Quote der gewerblich zugelassenen Fahrzeuge steigt kontinuierlich, mit Ausnahme des Jahres der Abwrackprämie (2009). Allerdings sind diese Fahrzeuge nicht ausschließlich Dienstwagen von Unternehmen, sondern ein Großteil der Fahrzeuge wird schon heute als Mietwagen im weitesten Sinne zugelassen (etwa 16 Prozent aller Zulassungen). Gewerbliche Halter können die hohen Kosten der Fahrzeuganschaffung sicherlich leichter stemmen als private Käufer. Maßgeblich ist schlussendlich allerdings für beide Gruppen, dass das Fahrzeug ein optimales Kosten/Nutzen-Verhältnis erreichen kann. Dies ist für gewerbliche Käufer meist einfacher, da größere Nutzergruppen, seien es Mitarbeiter eines Unternehmens oder auch Kunden eines Carsharing-Service, auf die Fahrzeuge zugreifen können.

Werden neben dem Kosten/Nutzen-Verhältnis die politischen Stellschrauben, wie etwa steuerliche Begünstigung oder die Blaue Plakette eingeführt, wird das sicherlich in noch stärkerem Maße dazu führen, dass Unternehmen und Kommunen auf die Anschaffung von Elektrofahrzeugen setzen werden. Dass diese Fahrzeuge bereits sharing-Fähig sein werden, zeigt nicht zuletzt der Masterplan von Elon Musk, den er Mitte Juli für Tesla vorgestellt hat.

Stefan Fritz > Uber und Lyft werden in der Presse als Mobilitätsangebote der Zukunft gefeiert. – Wird das selbstfahrende E-Auto in Zukunft über diese Plattformen bestellt?

Michael Minis > Beide Plattformen verändern die globale Mobilitätslandschaft mit einem enormen Tempo. Nachdem sie in den USA in einigen Städten verfügbar waren, begann eine beeindruckende Expansion, die nicht zuletzt durch ein schier unbändiges Vertrauen der Investoren getrieben wurde. Mit einer Valuation von etwa 66 Mrd. US Dollar ist Uber in etwa genau so hoch bewertet, wie der Automobilkonzern Daimler. Das Wachstum und die Kundenbeziehungen erzeugen diesen Wert, obwohl das Unternehmen in vielen Regionen der Welt enorme Verluste einfährt.

“Uber ist derzeit in etwa so hoch bewertet wie Daimler als Automobilkonzern. Der Grund: Wachstum und Kundenbeziehungen“

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Heute fahren private und semi-professionelle Fahrer gemeinsam mit professionellen Chauffeuren für diese Ride Sharing-Dienste und liefern im Kern die gleiche Dienstleistung, wie sie auch ein Taxi liefert. Ich bestelle ein Fahrzeug, ein Fahrer fährt vor und bringt mich ans Ziel. Services wie myTaxi oder Hailo haben sich weltweit in vielen Märkten bereits als digitaler Bestellservice für Taxen etabliert, die für private Fahrten und auch dienstliche Reisen genutzt werden. Elektrofahrzeuge spielen dabei heute noch keine signifikante Rolle.

Der vermeintliche Vorteil von Uber und Lyft liegt im günstigeren Preis, der erzielt werden kann, weil die Fahrer sich nicht an die Regularien halten müssen. Vielerorts kommt die höhere Verfügbarkeit des Angebots an Fahrern im Gegensatz zu Taxen hinzu. Diese ist allerdings oft ebenfalls der Umgehung der Regularien für Taxifahrer geschuldet.

Sobald daher für Taxen und private Fahrer die gleichen Regeln gelten, werden die Preis- und die Verfügbarkeitsvorteile schwinden.

Daraus folgt, dass die letzten beiden großen Kostenpositionen in einen Wettbewerb treten: Der Fahrer und das Fahrzeug. Selbstfahrende Fahrzeuge eliminieren die menschlichen Restriktionen, sie müssen keine Ruhezeiten einhalten, streiken nicht und sind 24/7 einsatzfähig und bereit.

“Wenn für Taxi und private Fahrer gleiche Regeln gelten, schwinden Preis- und Verfügbarkeitsvorteile von Uber und Co“

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Inwiefern selbstfahrende Elektrofahrzeuge geeignet sind, in diesen Systemen als dauerhafter Mobilitätsträger zu agieren, wird maßgeblich von den Lade- und damit verbundenen Standzeiten abhängen. Nur, wenn die Standzeiten der Fahrzeuge minimiert werden können, können sie ihre ökologischen Stärken gegenüber Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor ausspielen.

Stefan Fritz > Welche Rolle spielen die Automobilhersteller in diesem Zusammenhang? Werden sie gewinnen oder verlieren?

Michael Minis > Das weiß aktuell niemand so richtig. Die Automobilhersteller haben Angst etwas zu verpassen, das zeigt ihr Investitionsverhalten. GM investierte 500 Mio Dollar in Lyft, VW investiert 300 Mio Dollar in Gett, Daimler kaufte MyTaxi für mehr als 100 Mio Euro und schließlich investierte Toyota in Uber (Betrag unbekannt).

Einige Stimmen behaupten, Automobilhersteller werden in Zukunft nur noch die Zulieferer von „Mobilitätsobjekten“ sein, die als selbstfahrende Vehikel auf der Plattform live geschaltet werden und „Fahrten“ zugewiesen bekommen. Das hat enorme Auswirkungen auf das Geschäftsmodell der Automobilhersteller und ihre Wertschöpfung. Heute produzieren die Vermarktungsabteilungen Geschichten, die Emotionen wecken und Menschen dazu veranlassen, enorme Summen für die Anschaffung und den Unterhalt eines Produktes auszugeben, das im Durchschnitt 90 Prozent der Zeit nicht genutzt wird.

Die Hersteller müssen in Zukunft ihre Vermarktungsstrategie anpassen, ihr Produkt für eine deutlich intensivere Nutzung entwickeln und ihr Geschäftsmodell umstellen. Doch genau darin liegt für einige Experten der Vorteil der Automobilhersteller gegenüber Plattformen wie Uber und Lyft.

Angenommen, wir werden in Zukunft Mobilität per App bestellen und Taxen, Mietwagen und klassisches Carsharing damit ersetzen. Dann resultiert der Wettbewerbsvorteil aus dem günstigsten Preis und der höchsten Verfügbarkeit – nicht mehr aus der hoch emotionalen Marke.

Die Loyalität der Kunden gegenüber Plattformen wie Uber und Lyft wird es in einem solchen Szenario nicht geben. Das bedeutet, die Hersteller können die Nutzer der Konkurrenzplattform einfach über die günstige Konditionen auf ihre Seite ziehen – ähnlich, wie wir das im Deutschen Markt bei Mitfahrgelegenheit und BlaBlaCar gesehen haben.

Die Investitionen der Automobilhersteller zeigen aus meiner Sicht die Lernbereitschaft der OEM´s. Sie wollen wissen, wie das Ride-Sharing Geschäft funktioniert. Wer sich am Ende durchsetzen wird, ist aus meiner Sicht heute noch nicht absehbar.

Ladezeiten und Vollkostenbetrachtungen der Elektromobile werden meines Erachtens darüber entscheiden, ob diese eine ökonomisch-sinnvolle Alterative zu etablierten Verbrennern darstellen. Es bleibt daher spannend, die technologische und politische Entwicklung der nächsten Jahre zu beobachten.

Stefan Fritz > Und Uber entdeckt gerade mit UberPool, wie sie Kunden über die emotionale Welt des Umweltschutzes ansprechen kann, indem ich noch einen weiteren, mir unbekannten, Fahrgast mitnehmen kann. – Michael, wie ist Dein Fazit für unsere Mobilität von morgen?

Michael Minis > Die Elektromobilität wird sich in naher Zukunft durchsetzen. Der politische Wille ist da und mit dem Umweltbonus wurde ein erster, kleiner Schritt in die richtige Richtung gemacht. Die gemeinschaftliche Anschaffung und die Bereitstellung von Elektrofahrzeugen mit PoolSharing-Konzepten in Unternehmen und Wohnanlagen wird aus meiner Sicht den Durchbruch bringen. Kombiniert mit Pay-as-you-drive Plattformen wird Elektromobilität ökonomisch sinnvoll, schont die Umwelt und macht nebenher auch noch eine Menge Spaß!

“Elektromobilität wird sich durchsetzen. Pay-as-you-drive und PoolSharing-Konzepte helfen dabei. Michael Minis @tamyca“

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Stefan Fritz > Danke Michael für Deine Einschätzungen. Spannend, dass wir als Nutzer und Zuschauer bei diesem Mega-Umbau der gerade für Deutschland enorm wichtigen Industrie für individuelle Mobilität mit dabei sind.

 

Michael_MinisMichael Minis

ist Gründer und Geschäftsführer der tamyca GmbH. Das Team hinter tamyca entwickelt innovative Mobilitätslösungen für Automobilhersteller (www.carunity.com), Autohäuser und Carsharing-Plattformen. Besonders treibt ihn aktuell die Frage, wie die Digitalisierung die Geschäftsmodelle des Autohandels, der Leasinggesellschaften und Autovermieter verändert. Die Bereitstellung eines Sharing-Konzeptes für Unternehmensfuhrparks und damit ein neues Geschäftsmodell für den Autohandel bietet das Team mit dem Produkt fleetbutler.

 

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Blogparade Elektromobilität 2016 – eine gemeinsame Aktion von stefanfritz.de und Ingenieurversteher.de.

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