Können wir aus Krisen und Katastrophen lernen?

Können wir aus Krisen und Katastrophen lernen? (Bild: DeSa81/pixabay.com)
Können wir aus Krisen und Katastrophen lernen? (Bild: DeSa81/pixabay.com)

Niall Ferguson ist Netzwerk-Fan. Schon 2018 gefiel mir sein Buch „Türme und Plätze“, weil er über den Fluss von Informationen in sozialen Kommunikations-Netzwerken vielen Geschehnissen in der Geschichte eine neue Perspektive geben konnte.

Sein aktuelles Buch „Doom: Die großen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft“ hat er während der Corona-Krise geschrieben. Drucklegung war kurz vor Freigabe der Impfstoffe. Diesmal geht es um alle Arten von Katastrophen: Vulkanausbrüche, Terroranschläge, Kriege, Erdbeben, Finanzkrisen oder Überschwemmungen und eben auch Pandemien. Naturkatastrophen und damit unvorhersehbar sind die meisten dieser Beispiele nicht. Denn letztlich sind auch Kriege, die meisten Hungersnöte und sicherlich Pandemien Menschen-gemacht oder zumindest deutlich von uns Menschen beeinflusst.

Katastrophen und ihre Hintergründe

Die erste Hälfte des Buches beleuchtet Katastrophen im Laufe der Geschichte, gespickt mit vielen neuen Details. Und immer geht es um die Frage, ob die Krise oder Katastrophe nicht doch vorhersehbar war, wenn man das gesamte System mit seinen Einflüssen und Kommunikations-Strukturen erfasst. Ein wenig Geduld braucht man beim Durcharbeiten schon, wird aber immer wieder mit unerwarteten neuen Einblicken belohnt, gerade beim Einblick in die Dynamik von Pandemien.

Medizin und Wissenschaft waren über lange Zeit hinweg keine Helfer bei der Vermeidung von Pandemien; es war mehr ein Spiel von Versuchen und Irrtümern. Die größten Erfolge haben Hygiene-Maßnahmen gebracht, die nach der Pest gegen alle möglichen Bakterien und Virus-Attacken geholfen haben. „Den wahren Fortschritt brachten alltäglichere Maßnahmen wie die Veränderung der Wohnverhältnisse (zum Beispiel die Verwendung der Baumaterialien Stein und Ziegel statt Holz und Stroh) und Gesetze zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Arbeitern.“ Dadurch haben sich für viele Keime die Übertragungswege (Netzwerke) verschlechtert und die größere Nähe der Menschen in Städten konnte wieder kompensiert werden.

Die Rolle von Netzwerken

Wichtig ist Ferguson die Erkenntnis, dass Krisen und Katastrophen nicht in Zyklen ablaufen, wie von vielen seiner wissenschaftlichen Kollegen häufig angeführt wird.

Die Corona-Krise und die detailliert beschriebene Entwicklung in den verschiedenen Ländern mit dem grundsätzlichen Versagen der Institutionen in vielen Staaten macht deutlich: Präsidenten und Regierungen tragen zwar die Verantwortung; aber die meisten Ergebnisse hängen von Wirkweisen und Informationsflüssen zwischen Institutionen ab und sind letztlich von diesen bestimmt. Hierarchien in Organisationen und Netzwerke zwischen Organisationen bestimmen also die Reaktionsfähigkeit von Staaten und der Weltgemeinschaft auf globale Krisen wie Pandemien.

Soziale Netzwerke und Medien leisten ihren eigenen Beitrag zu „Infodemien“, indem sie Falschmeldungen und De-Information aktiv in ihren Netzwerken verteilen und dadurch ebenso wie das Virus aktiven Schaden anrichten.

Über die Bewertung der einzelnen Staaten im Umgang mit Corona kommt Ferguson zu der Frage, welche Staats-Systeme sich während der Corona-Pandemie bewährt haben. Die Antwort ist niederschmetternd, denn Corona hat die Schwächen sowohl der westlichen Welt als auch von Staaten wie Russland und China offengelegt.

Und was bedeutet das für das Netzwerk aus Staaten?

Die Schlussfolgerungen von Ferguson sind lesenswert, denn sie sind bestimmend für unsere nähere Zukunft: Was passiert mit der Blockbildung? Sind wir bereits im kalten Krieg mit China? Was geschieht, wenn China und die USA eine klare Positionierung von Staaten erwarten und/oder erzwingen?

„Asiatische Länder möchten nicht gezwungen werden, sich zwischen diesen beiden entscheiden zu müssen. Wenn eine der beiden Seiten eine solche Wahl erzwingen wollte – wenn Washington versuchen sollte, den Aufstieg Chinas zu verhindern, oder wenn Peking versuchen sollte, Asien zu seiner ausschließlichen Einflusssphäre zu machen –, dann würden sie damit einen Konfrontationskurs beginnen, der Jahrzehnte dauern und das lange erwartete asiatische Jahrhundert gefährden würde… Eine Konfrontation zwischen beiden wird vermutlich nicht enden wie der Kalte Krieg, also mit dem friedlichen Zusammenbruch eines der beiden Länder.“

So sehr uns die Zukunft und eine Vorhersage auch interessiert: letztlich bleiben wir Menschen. Und die meisten von uns sind bei den üblichen Katastrophen zum Glück nur Zuschauer und können damit vor allem eines: Vergessen!

„Für die glückliche Mehrheit geht das Leben nach der Katastrophe meist weiter, mit der einen oder anderen Veränderung vielleicht, aber im Großen und Ganzen erstaunlich, tröstlich, langweilig gleich. Erstaunlich schnell lassen wir unsere Begegnung mit unserer Sterblichkeit hinter uns und machen fröhlich weiter, vergessen die weniger Glücklichen und verschließen die Augen davor, dass die nächste Katastrophe schon auf uns wartet.“

Spannende neue Zusammenhänge, wie Netzwerke und Informationsflüsse eben auch Krisen und Katastrophen beeinflussen und die Erkenntnis, dass wir Menschen viel darüber reden, ob man etwas vorher erkennen könnte, dann aber eigentlich doch nichts daraus machen.

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Doom: Die großen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft
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