Sind wir wirklich bereit, unsere Erde zu retten?
Sind wir wirklich bereit, unsere Erde zu retten? – Bild: geralt/pixabay.com

Sind wir wirklich bereit, unsere Erde zu retten?

Wie sollte unsere Gesellschaft der Zukunft aussehen, um das Überleben der Menschen langfristig zu sichern? Nationalistische Tendenzen unterwandern Gemeinschaften und rütteln an unserem demokratischen Grundbild. Und auch der Kapitalismus sieht sich vielfältiger Kritik gegenüber, die auf mehreren Strömungen basiert:

  • Soziale Ungleichheit: Der Kapitalismus fördert die Ungleichheit zwischen den Menschen. Die Kluft zwischen reich und arm wird (wieder) größer. Einem Prozent der reichen Weltbevölkerung gehört soviel wie den 50 Prozent der Armen.
  • Umweltzerstörung: Der Kapitalismus fördert den Raubbau an unserer Natur.
  • Arbeitsbedingungen: Der Kapitalismus zwingt Menschen in vielen Ländern dazu, ihre Gesundheit für ihre Jobs zu ruinieren.
  • Finanz-(Turbo-)Kapitalismus: Unser Finanzsystem schafft keine echten Werte. Aber mit seinen systemischen Vernetzungen bringt es massive Risiken in unsere physische Welt.

All diese Aspekte sind zutreffend und es wäre für unser weiteres menschliches Zusammenleben sicherlich gut, wenn wir diese Missstände beseitigen. Doch bevor wir uns mit potenziellen Lösungen dieser Herausforderungen beschäftigen, sollten wir uns Klarheit über die Ursachen unseres aktuellen Status auf den verschiedenen Ebenen verschaffen.

Macht und Besitz

Über viele Jahre der Menschheitsgeschichte haben 99 Prozent der Bevölkerung nichts besessen. Es war völlig normal, dass einem Herrscher das Land und die darauf lebenden Menschen gehörten. Staatsform und Wirtschaftsform waren ein und dasselbe und haben sich von den antiken Kulturen in Ägypten, Mesopotamien, China, Rom und den Kaisern im Mittelalter nur durch minimale Varianten der Partizipation und des sehr eingeschränkten Grades zum Privateigentum unterschieden.

Mit der französischen Revolution und dem Zeitalter der Aufklärung haben wir dann für unsere persönliche Freiheit und Souveränität gekämpft – und für persönlichen Besitz. Wir haben den Fürsten also zwei wesentliche Insignien entrissen: Die Macht über unseren Geist und das Monopol für Besitz.

Demokratie und Kapitalismus

Dennoch hat es mehr als 150 Jahre grausamen Experimentierens mit Millionen von Toten gebraucht, bevor sich ein relativ stabiles Gleichgewicht von zwei unabhängigen, sich bedingenden und doch miteinander kämpfenden Systemen herausgebildet hat: Demokratie und Kapitalismus, eingebettet in ein komplexes Gebilde souveräner Staaten.

Entgegen den vielen tausend Jahren vor der dem Gespann Demokratie und Kapitalismus waren Staatsform (Macht) und Wirtschaftsform (Besitz) über den Regenten erheblich enger miteinander verbunden. Diese Trennung haben wir in den letzen 50 Jahren mit zahlreichen Institutionen immer weiter differenziert. Auf gesellschaftlicher Ebene hat dies eine immer stärkere Individualisierung ermöglicht und eine Vielzahl tradierter Strukturen aufgebrochen.

Diese Individualisierung, also die zunehmende Verschiebung zu persönlicher Entfaltung, konnte über die letzten 50 Jahre vor allem durch die Wachstumsmöglichkeiten gedeihen, die uns der Kapitalismus beschert hat. Wir konnten souverän und immer selbstbestimmter arbeiten und leben, weil wir unserer Natur, oder weit entfernt lebenden Individuen Rohstoffe und Waren entrissen haben.

Gemeinsam gegen Bedrohungen

Nach dem westfälischen Frieden haben sich Nationalstaaten entwickelt. Aus dem Bedürfnis heraus, gemeinsam Teil von etwas Größerem zu werden, waren wir als Individuen bereit, auf einen Teil unserer Autonomie zu verzichten. Von der größeren Gemeinschaft versprach man sich territorialen Schutz vor anderen, oder Schutzgemeinschaften gegen Unbillen der Natur. Diese Gefahren waren für die Menschen, die bereit waren, dafür einen Teil ihrer persönlichen Freiheit abzugeben, nicht unbedingt täglich, aber auf Sicht mehrerer Jahre erlebbar.

Die größte Gefahr für jeden einzelnen von uns ist heute die Zerstörung unseres Planeten durch Naturkatastrophen oder Kriege. Aber diese Gefahren sind viel abstrakter und nicht für jeden von uns in ein oder fünf Jahren erlebbar. Werden wir es angesichts dieser Bedrohung schaffen, uns auf die gemeinsame drastische Reduktion des CO2-Ausstoßes zu einigen und bereit sein, dafür unser eigenes individuelles Verhalten zu ändern? Mit dem heutigen System der Nationalstaaten, den Demokratien und dem liberalen Kapitalismus wird uns das wohl eher nicht gelingen.

Das Problem: die Fixierung auf kurzfristigen Erfolg

Zu stark sind die Widersprüche aus der Kurzfristigkeit des Wahlsystems, bei dem diejenigen die meisten Stimmen auf sich vereinen können, die kurzfristige Verbesserungen für einzelne versprechen, anstatt schmerzhafte Veränderungen für langfristige Ziele. Das Kapitalistische Konzept ist durch die Teilbarkeit von Eigentum an komplexen Firmenstrukturen (Aktien) und den eigentlich gut gemeinten Regeln zur Transparenz ebenfalls vor allem auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet.

An welchen Schrauben können wir also drehen, damit unsere Generation nicht für den Untergang unseres Planeten verantwortlich gemacht werden kann?

Nutzen vor Besitz

Im privaten Bereich wird es schon seit einigen Jahren erkennbar: Besitz ist nicht mehr das ultimative Ziel der Menschen. Egal ob Tablet oder Auto: der Wert entsteht durch die Dienste und kann nicht mehr der Sache an sich zugeschrieben werden. Gleich, ob ich eine Wohnung miete, einen Mobilitätsservice (individuell oder ÖPNV) nutze oder auf Musik oder Filme im As a Service-Geschäftsmodell zugreife – besitzen muss man eine Sache heute nicht mehr, um sie zu nutzen.

Die digitale Transformation ermöglicht die Organisation von Gemeingütern. Was im frühen Kommunismus noch schlecht funktioniert hat, kann mit Hilfe digitaler Plattformen auf einmal Realität werden. (Wobei die Bezeichnung „digitaler Kommunismus“ natürlich prompt zur breiten Ablehnung der Idee führen würde.) Doch diese Dienste haben ihren Preis.

Privateigentum 2.0: unsere Daten

Vor 300 Jahren haben wir für privates Eigentum gekämpft, sind dafür auf die Straße gegangen und haben alles aufs Spiel gesetzt. Ebenso sollten wir jetzt für die Autonomie unserer Daten kämpfen. Noch sind wir eingelullt von den kostenlosen Diensten, die uns die Datenritter aus dem Silicon Valley anbieten und haben kein Gespür für die damit verbundenen Auswirkungen. Andere lehnen die Nutzung digitaler Dienste direkt komplett ab.

Dabei müssen wir uns einfach nur auf den Weg machen und lernen, wie wir persönliche Daten und deren Schutz technisch und rechtlich regeln wollen. Unsere Vorfahren sind 1789 ja auch nicht mit Aktienbesitz und Bewegungsmeldern zum Schutz ihrer Häuser gestartet. Aber sie haben für Privateigentum und persönliche Freiheit gekämpft und diese Forderungen über die Jahre und Jahrzehnte hinweg weiter einwickelt. Und in den ersten Jahren haben viele dafür persönliche Nachteile in Kauf genommen.

Auch wenn wir im Westen heute nicht mehr hungern, müssen wir alle begreifen, was an unseren persönlichen Daten hängt. Jede große Datenansammlung wird gehackt werden. Kein Staat und keine wirtschaftliche Institution werden der Chance auf Missbrauch widerstehen können. Aber wir haben es in der Vergangenheit mit Gesetzen und Verträgen geschafft., dass nicht jeder eine Atomwaffe im Haus hat und dass der Missbrauch von Organhandel deutlich geringer ist als man befürchten könnte.

Staatenmodelle der Zukunft

in der EU wissen wir, wie schwierig es ist, aus Nationalstaaten eine neue Einheit zu bauen und wie unterschiedlich die zu berücksichtigen Interessen sind. Wir müssen uns über die Zukunft der Nationalstaaten klar werden. Ist es gut und wichtig, dass wir heute fast 200 solcher Staaten haben, die immerhin schon mit einem weltweit einheitlichen diplomatischen Protokoll miteinander kommunizieren? Oder wäre es besser, wenn es weltweit nur fünf oder eine andere kleine Anzahl von Mächten auf diesem Planeten gäbe?

Immerhin haben wir mit dem System der Pentarchie im Laufe der Jahrhunderte schon einige Erfahrungen sammeln können. Über das Konstrukt weniger Mächte könnten wir Gesellschaften nach unterschiedlichen Konzepten aufbauen. Die Chinesen könnten weiter ihr Konzept des eingeschränkten Privateigentums mit hohem Anteil an zentraler Steuerung verfolgen. Eine gewisse Pluralität für unterschiedlich Konzepte bliebe bestehen.

Oder wir verwandeln alle Nationalstaaten in eine große digitale Plattform unter einer Weltregierung. Mit diesem Ansatz wird gerade in Singapur experimentiert. Der Staat stellt damit die digitalen Austauschkanäle für verschiedene Märkte zur Verfügung und verbindet die im westlichen Konzept der letzten 250 Jahre getrennten Systeme der Demokratie und des Kapitalismus wieder zu einem datengetriebenen Modell unter einer zentralen Verwaltung.

Wer wird die digitalen Technologien regulieren?

Egal, wie wir es drehen und wenden: Digitale Technologie und die Regulation der Technologien werden unsere Zukunft bestimmen. Leider setzen wir uns noch viel zu wenig damit auseinander, wie wir diese Zukunft gestalten wollen.

Uns geht es persönlich viel zu gut und wir sind viel zu bequem, um uns mit diesen abstrakten Themen zu beschäftigen. Warum sollten wir uns heute selbst in unserem Konsum beschränken und damit eine vermeintlich höhere Unsicherheit eingehen, als einfach so weiter zu machen wie bisher?

Ich hoffe nicht, dass all diejenigen Recht haben, die meinen, dass wir Menschen uns erst ändern, wenn wir die Auswirkungen in Form von Katastrophen unmittelbar erfahren.

Ich hoffe vielmehr auf eine weltweite Gemeinschaft der Dichter und Denker und auf einen fruchtbaren Diskurs in vielen Gesellschaften. Ein solcher Diskurs ermöglicht uns, heute unsere eigene Bequemlichkeit zu überwinden, um sowohl konkrete Dinge zum Besseren zu verändern als auch einen neuen gemeinsamen Narrativ zu schaffen, der uns Menschen eine eigene Identität, Bedeutung und eine gemeinsame Zukunft ermöglicht.

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