Was ist das wirklich Neue am Web3 und wer profitiert davon?

2. Februar 2022

Das Web3 soll als dezentrales und faires Internet den Nutzern die Kontrolle über ihre Daten, Identität und Schicksal zurückgeben, beschreibt die Web3 Foundation den Ansporn der Idee. Doch was steckt dahinter und wem bietet dieser Ansatz tatsächlich eine Chance?

Vor allem Techniker sind begeistert von den immer neuen Technologien und Lösungen, die sie erfinden. Und die Geschichte wiederholt sich – immer wieder. Über viele Jahrhunderte hinweg waren es die Mächtigen und dann bis in die 1970er Jahre die Militärs, die versucht haben, die geeignetsten Technologien zum Erhalt oder besser noch zur Ausweitung ihrer Macht einzusetzen. In den 1990er und 2000er Jahren hat sich dieses Muster deutlich verändert. 

Vom geplatzten Traum von Freiheit zum Macht-Oligopol

Das Internet ist zwar ein militärisches Design, aber in den 1990er Jahren haben Nerds daraus eine neue, freiheitsbringende digitale Kultur geschaffen. Ein Traum, in dem jeder Mensch mit jedem anderen Menschen auf dem Globus in freier Form Daten und Gedanken austauschen kann. Zugriff auf das Wissen der Welt von jedem Ort aus. 

Nachdem 2003 die erste große wirtschaftliche (Dotcom-) Blase, die aus diesem Traum nach digitaler Freiheit genährt wurde, geplatzt ist, hat sich dieses auf Dezentralität begründete Freiheitskonzept der Nerds drastisch verändert.

In weniger als 20 Jahren ist aus der robusten dezentralen Technologie (TCP/IP, HTML, SMTP) ein zentrales wirtschaftliches Macht-Oligopol entstanden. GAMA (also Google, Amazon, Meta und Apple) sowie weitere große digitale Player wie Microsoft, Alibaba und Tencent haben die Kontrolle übernommen. Der Freiheitstraum ist ausgeträumt. In der digitalen Welt haben neue Fürsten und Mächte uns ihre Macht aufgezwungen.

Neu daran ist, dass es Wirtschaftsmächte sind. Die Macht haben wir über unsere Wahl als Verbraucher diesen Unternehmen verliehen. Und neben der Ermöglichung dieser Marktmacht haben wir Verbraucher sie auch zu den wertvollsten Unternehmen auf diesem Planeten gemacht. Immerhin, der Besitz ist noch breit gestreut. Aktien der großen Oligopolisten liegen in privaten Depots sowie in den Fonds von Versicherungen und Pensionsfonds, die damit unsere Altersvorsorge bilden.

Technologienutzung und Machtanspruch

In der ersten Phase der Technologienutzung durch Mächtige wurden physische Macht, wirtschaftliche Macht und Besitz gebündelt. Technologieakzeptanzkurven haben im Mittelalter noch viele Jahrzehnte benötigt, um eine flächendeckende Nutzung der Technologie zu erreichen.

Mit der Trennung der wirtschaftlichen von der staatlichen Macht durch die Schaffung von Kapitalgesellschaften im 19. Jahrhundert konnten sich in einer zweiten Phase der Technologienutzung Technologien wie Eisenbahn, Telegraphen, Glühbirnen, Autos, Satelliten oder das Fernsehen viel schneller ausbreiten. Wesentlicher Treiber für diese Beschleunigung ist die Finanzierung durch Risikokapitalgeber und die Überführung der Technologien in konkurrierende, in Form von Aktiengesellschaften geführte, Unternehmen.

Aktuell befinden wir uns im Ausklang einer dritten Phase der Technologienutzung: In den letzten 20 Jahren haben die digitalen Geschäftsmodelle der großen Internetkonzerne dazu geführt, dass Quasi-Monopole entstanden sind. 

Die Suche nach dem schnellen Gewinn

Oberstes Gebot einer jeden technologischen Entwicklung ist, über Geschwindigkeit und ein immer professionelleres Management der Technologien Hockey Stick-Entwicklungen zu erreichen, mit denen ein Marktsegment monopolartig besetzt werden kann. Einen Großteil der Rendite greifen vor allem US-amerikanische Frühphasen-Investoren ab, die über ihre Netzwerke Märkte besetzen. 

Nachdem der Wertanstieg über die Bildung von Quasi-Monopolen erreicht ist, dürfen normale, breit gestreute Aktien-Investoren über IPOs an der weiteren Wertschöpfung teilhaben. Wenn sich zuvor Blasen gebildet haben, wie wir es in den letzten Jahren gesehen haben, ist davon auszugehen, dass die gestreuten Aktieninvestoren den frühen Technologie- Investoren für die Entwicklung der Unternehmen sogar mehr als den realen Wert gezahlt haben.

Lässt sich dieses System noch weiter beschleunigen und optimieren für diejenigen, die Technologien entwickeln, vermarkten und finanzieren? Ja, mit Web3

Web3 – die Hoffnung auf das neue, bessere Internet

Web3 ist nicht scharf definiert und umfasst alle Aspekte einer neuen dezentralen Welt. Im Mittelpunkt stehen DeFi (Decentralized Finance) und alle Spielarten von Blockchain-Protokollen. Damit auch NFTs und indirekt auch die Metaverse-Konzepte.

Nachdem das eigentlich freiheitliche und offene Internet von einigen Oligopolisten geentert wurde, brauchen wir nun einen neuen Freiheitsruf: Es hat doch nicht geklappt mit dem freien Internet, lasst es uns nochmal versuchen.

Das Praktische an dezentralen Konzepten wie Blockchain ist, dass sie zwar das dezentralisieren, was vorher zentral war (Banken, Cloud-Rechenzentren), aber letztlich etwas neues Zentrales einführen, nämlich die Steuerungslogik. Die läuft zwar dezentral verteilt, ist aber eine zentrale Logik. 

Das ist kein Argument gegen dezentralisierte Systeme. Es wird genauso kommen und wir werden immer mehr Anwendungsfälle dezentraler Technologien sehen. Google, Meta und Amazon gehören die Server noch, mit denen sie unsere Daten verwalten. Blockchain und Web3-Technologien werden dazu führen, dass die zentralen Nutznießer des Systems noch nicht einmal in den Betrieb der erforderlichen Systeme investieren müssen. Es sind also perfekte Asset-Light-Konzepte.

Wer wird vom Web3 profitieren?

Parallel dazu können wir noch etwas anderes beobachten: Die Erschaffer oder frühen Vorsteher der dezentralen Technologie wie Bitcoin und Ether benötigen keine breitgestreuten Aktien mehr, um ihre Investitionen in wirtschaftliche Macht und persönliches Kapital umzuwandeln. 95 Prozent des Wertes von Bitcoin gehören 2 Prozent der User, ähnlich krass ist es in der NFT-Welt.

In der vierten Phase der Technologienutzung kommt es damit zu einer nie dagewesenen Akkumulation von Kapital(besitz) für die Technologie-Entwickler. Die großen weltweit agierenden Investoren sind damit zu Meta-Goldgräbern geworden, die mit enormem Kapitaleinsatz und extrem großem Verständnis für Teams und Technologien Märkte schaffen. Sie suchen nicht nach dem auf diesem Planeten vorhandenen Gold, sondern schaffen etwas Neues, das andere für Gold halten. 

Sie haben einen Weg gefunden, wie mit der Virtualisierung von Marktmechanismen und Regeln – denn nichts anderes ist dezentrale Technologie, also Web3 – direkte Werterzeugung entstehen kann. Märkte wie NFTs werden von Investoren geschaffen. Diese Märkte befriedigen keinen latenten menschlichen Bedarf, sondern wir nutzen sie aus der Sorge heraus etwas zu verpassen (FOMO – fear of missing out) oder aus einer Gier heraus. Krampfhaft versuchen wir, kleine Creator zum potenziellen Nutznießer einer theoretischen Creator-Economy zu erklären.

Solide Technologien statt kurzfristige Wert-Blasen

Web3 ist also keine wirklich neue Technologie, sondern vor allem die Revitalisierung einer alten Utopie: Freiheit durch und mit Technologie. Technologisch ist Web3 eine normale evolutionäre Weiterentwicklung. Die marktschaffenden Investoren-Modelle dahinter verringern zwar die Gefahr einer Monopolbildung auf der Marktseite, aber sie verschieben die Monopolisierung hin zu wenigen wirtschaftlichen Nutznießern der Technologie.

Darunter leiden solide arbeitende Deeptech-Investoren und Gründer, die ihren Kunden und weiteren Investoren keine gigantischen Multiples versprechen können oder wollen. Wenn wir unseren Technologiestandort Deutschland vernünftig weiterentwickeln wollen, benötigen wir solide Technologien, ambitionierte und kompetente Gründer sowie Deeptech-Investoren, die echte Ermöglicher sind. Und die bereit sind, neben Geld eine Menge Arbeit und Schweiß in ihre Startups zu investieren.

Die Erkenntnis der dritten Technologie-Phase, dass wir als Nutzer das Produkt sind und vor allem die datengetriebenen Konzerne an der Technologie verdienen, ist für Web3-Unternehmen überholt. Wer heutige frühe Web3-Technologien nutzt, schafft in direkter Weise und ohne den Umweg über echten Umsatz (zum Beispiel für Werbung) Werte für die wenigen Nutznießer der Technologie. 

Das wirklich Neue am Web3 in der vierten Phase der Technologienutzung ist der Mechanismus der Wertschöpfung.

Quelle: https://unsplash.com/photos/26PeYRqpBh8
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