Wie übernehmen wir wieder eine aktive Rolle in Zeiten der Unsicherheit?

Vogelkäfig mit dem Schatten des Vogels im Kaefig
Wie übernehmen wir wieder eine aktive Rolle in Zeiten der Unsicherheit? (Bild: Cristian Siallagan /unsplash.com)

Wir gehen wir in unserem Leben mit Risiken um und welche Erwartungshaltung haben wir dazu? Thomas Mayer zeigt in seinem Buch Die Vermessung des Unbekannten auf, dass unser Verständnis von Risiken und dem Umgang damit die Ursache ist für viele Missstände, die uns heute umgeben. Dabei demystifiziert er ganz nebenbei bekannte Modelle in Finanzwelt, Politik und Gesellschaft. 

Absicherung versus Freiheit

Wir leben nicht mehr wie im Mittelalter für das Jenseits und akzeptieren daher unser Schicksal im Diesseits. Vielmehr versuchen wir, die Zukunft über die Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten berechenbar und planbar zu machen.

Als Individuen und Teil unserer Gesellschaft verstehen wir uns heute nicht als aktive Gestalter unseres Umfeldes, in dem wir auf radikale Unsicherheit und das wirklich Unbekannte aktiv reagieren und damit eine gestaltende Rolle übernehmen. Mit privaten Versicherungen, staatlichen Absicherungen sowie Erwartungen und Ansprüchen haben wir stattdessen versucht, die Zukunft berechenbar zu machen. Als Gesellschaft streben wir, durch die Politik bedient, danach, dem Einzelnen möglichst wenig Lebens-Risiken zuzumuten.

Dass wir damit auf einen Teil unserer Freiheit verzichten, die wir uns mit der Aufklärung erkämpft haben, begreifen die meisten nicht, wenn sie nach Corona-Hilfe oder Flutopfer-Unterstützung rufen. Soziale Sicherheit ist eine gute Idee, doch durch immer weitergehende Absicherung und Einflussnahme entwickelt sie sich über Jahre zu einem Gruppen-erzeugenden Monster. Die für die Absicherung geschaffenen Gruppen emanzipieren sich und fordern positive Diskriminierungen. Mayer nennt dies eine Identitäre Gruppengesellschaft, die ihre eigene Freiheit und damit letztlich sich selbst zerstört. 

Wissenschaft und Politik

Nach diesen ersten drei Kapiteln beschäftigt sich Mayer mit der Wissenschaft und deren Allianz mit der Politik.

„Denn »Politik wird ausgehandelt, wird bestimmt als ›akzeptabel für die wesentlichen Beteiligten‹ und als wirksam für eine intendierte Absicht. Sie ist nicht ›richtig‹ oder ›falsch‹, sondern ermöglicht sozialen Frieden.« Wenn die Politik jedoch diese Funktion nicht mehr erfüllt, sondern in dem Bemühen, alle Lebensrisiken bedingungslos zu minimieren, Wissenschaftler ermächtigt, über die Geschicke der Gesellschaft zu bestimmen, herrscht Unfriede.“

Die Illusion der Berechenbarkeit

Viel weiter ins Detail geht Mayer bei seiner Analyse der Finanzwirtschaft. Er stellt letztlich das gesamte Gedankengebäude mit seinen Methoden der Portfolio-Optimierung und Value at Risk-Konzepten in Frage, wenn er feststellt:

„Die moderne Finanztheorie lässt sich nur deshalb zu einem eleganten, mathematischen Gebäude zusammenfügen, weil ein wesentlicher Teil ihrer Bausteine auf der Annahme beruht, die Preise auf den Finanzmärkten würden sich zufällig ergeben und die Verteilung dieser Zufallsereignisse sei »normal« im Sinne von Gauß (und natürlich stationär, also über die Zeit stabil) verteilt. Dann lässt sich die Verteilung mit Varianz und Mittelwert vollständig beschreiben, leicht berechnen und einfach in die Modelle einfügen.“

Die Berechenbarkeit der Finanzmodelle bei Banken und Versicherungen ist also letztlich eine Illusion. Denn wir treffen Annahmen, die in der Realität nicht anzutreffen sind. 

Auf Basis dieser Illusion agieren Investmentbanker, die uns sichere Produkte für unsere Geldanlage anpreisen. Und ebenso unsere Zentralbanken, die mit nachweislich zu einfachen Modellen in hilfloser Form versuchen, Inflation, Wertstabilität, Arbeitslosigkeit und Geldmenge durch das Drücken von Knöpfen in ihrem Steuerungsrepertoire zu beeinflussen.

Ein Kreislauf aus Krisen und Interventionen

Investmentbanken erfinden ständig neue Produkte zur Absicherung von Risiken, die wir in der letzten Krise kennengelernt haben. Und die Zentralbanken antworten mit neuen Maßnahmen auf diese Interventionen. Doch letztlich erzeugen beide Beteiligten damit nur immer neue Krisen. Die Details von Meyer in diesem Kontext sind furchteinflößend und fast verstörend, aber auf jeden Fall lesenswert.

Indem sich jede Zunft ein paar Modelle für den Alltagsgebrauch zurechtgelegt hat und dort munter auf die Knöpfe drückt, glauben wir dieses unendlich komplexe Gesamtsystem zu beherrschen. Dabei missachten wir zu jedem Moment die Reflexivität, die sich durch diese Handlungen ergibt.

Die obersten Strippenzieher sind unsere Staaten. Sie lassen zur Erhaltung ihrer Macht die Notenbanken Geld drucken und diese Schulden mit Taschenspielertricks in den Büchern der Notenbanken verschwinden. Der Staat ist damit zum Herrscher über alle Risiken erstarkt, hat aber letztlich auch eine neue unfreie Realität für uns alle erschaffen. In dieser gibt es echte Werte letztlich nicht mehr und uns bleibt nichts anderes übrig, als weiter im Hamsterrad zu laufen. Denn eine wirklich sichere Rendite in Form einer durch einen guten Emittenten herausgegebenen Schuldverschreibung gibt es seit nunmehr 10 Jahren faktisch nicht mehr.

Wir müssen unser Erspartes in ein labiles, von Krise zu Krise eilendes Finanzsystem stecken. Sparkonten gibt es nicht mehr, ebenso wenig die Wahl zwischen Sicherheit und wenig Rendite oder mehr Rendite für mehr Risiko. Es gibt nur noch Risiko-behaftete Anlagen oder das Girokonto mit Negativ-Zinsen und Inflationsverlust.

Zeit für aktives Gestalten

Die Lösungen, die Thomas Mayer anbietet, vermögen nicht zu beruhigen: Politik, Gesellschaft aber auch das Investieren in Unternehmen unterliegen Narrativen. Wie lässt sich die Zukunft in einer Welt sozialer Wesen also zumindest in Teilen vorhersagen? Durch gute und nachhaltige Narrative koordinieren sich Menschen als soziale Wesen. Hier gilt es für den Investor, die guten, also eintretenden, von den nicht eintretenden, zu unterscheiden.

Thomas Mayer bietet hier in mehreren Kapiteln ein paar Hilfestellungen – die Arbeit und konkrete Umsetzung muss vom mündigen Leser aber selbst vorgenommen werden. Es ist Zeit, erwachsen zu werden und sich nicht mehr auf die Risikovermeidung der anderen zu verlassen.

Ein tolles Buch, mit interessanten Analysen und einfachen Erläuterungen komplexer Zusammenhänge. Aber natürlich auch nicht mit der einen Lösung. Dafür mit dem klaren Aufruf, die Risiken der Welt mit neuen, wachen und gestaltenden Augen zu sehen.

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Thomas Mayer
Die Vermessung des Unbekannten: Ein Essay über Geld und Gesellschaft in Zeiten radikaler Unsicherheit
FinanzBuch Verlag, 288 Seiten, 18,00 Euro
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